Prahlhans als Küchenmeister


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Darauf wären wir nie gekommen: Wilmenrods "Gefüllte Erdbeere"

MUTTIS HEINZELKOCH: GIGOLO ALS KÜCHENMEISTER

Ey Kids, kommt mal kurz von der Tanzfläche! Daddy-O will wieder von früher erzählen! – Tscha, Kinners, wir wollen mal ein Jubiläum feiern. Vor ziemlich fast genau 45 Jahren war das, da ging eine Ära zu Ende, die wir heute als legendär, wenn nicht mythisch bezeichnen dürfen: Am 16. Mai 1964 hieß es im Fernsehen zum allerletzten Male „Ihr lieben, goldigen Menschen!“ bzw. „Verehrte Feinschmeckergemeinde!“ – der erste Fernsehkoch Deutschlands gab nach 11 sensationell, ja, epochal erfolgreichen und die Kultur der Bundesrepublik prägenden Jahren den Löffel ab. Nur drei Jahre später legte er auch Messer und Gabel nieder und brachte sich um, in der – möglicherweise irrigen – Annahme, er sei an Krebs erkrankt: Clemens Wilmenrod, Erfinder der „gefüllten Erdbeere“, des „Toast Hawaii“ und des „arabischen Reiterfleisches“ sowie permanenter Schrecken und Albtraum (nightmare in residence) meiner Kindheit. Während samstags bei Fernseh-Familie Kraska während der „Sportschau“ Sprechverbot herrschte, brach an jedem Freitag um 21.30 Uhr Muttis Ausnahmezustand aus: Da saß sie mit gespitztem Bleistift über einem zentimeterdicken alten Taschenkalender, um jedes heilige Rezeptwort mit zu stenographieren, wenn es wieder hieß: „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“.  Was der joviale, immer etwas ölig wirkende Mann auftischte, wurde regelmäßig, in der Interpretation meiner jungen, wg. Armut kulinarisch unerfahrenen Mutter, zur mittagstäglichen  Realität. Ich bin, so gesehen, gastro-ästhetisch durch eine harte Schule gegangen. Manchmal war es okay, aber manchmal auch das Grauen (Marlon Brando als Colonel Curtz in ‚Apocalypse now’: „The horror! The horror…!“).

Unser mit dem Charme eines geübten Heiratsschwindlers und Vorstadt-Strizzis ausgestattete Fernsehkoch gehörte zu einem Typus, der in gewisser Weise stilbildend für die junge Bundesrepublik wurde: Ein Windbeutel, Scharlatan und Schaumschläger, ein Durchmogler, Phantast und kreativer Taugenichts, ein roßstäuscherischer Autoverkäufer, wortverdreherischer Versicherungsvertreter oder Friseur, der gegen Aufpreis auf einer Glatze Locken drehen konnte. Es versteht sich, daß Wilmenrod vom Kochen im Prinzip kaum Ahnung hatte, denn er war gar nicht Koch, sondern bloß arbeitsloser Schauspieler, und er hieß noch nicht mal Wilmenrod, – Carl Clemens Hahn kam lediglich aus dem gleichnamigen Örtchen im Bergischen. Seine in schwarz-weiß ausgestrahlte Koch-Show bestritt er selbdritt: Zunächst war da der Maestro höchstselbst, der das Reden und Anekdoten-Drechseln besorgte und oft eine Schürze trug, auf der er selber, schmeichelhaft karikiert, abkonterfeit war; sodann Hahns Frau Erika, die das Schnibbeln, Putzen, Raspeln und Bruzzeln besorgte, ungenannt, anonym und im Hintergrund – nur ihre Hände kamen versehentlich mal ins Bild –, sowie schließlich der berühmte elektrische Infrarotgrill ‚Heinzelkoch’, der auch im Abspann immer erwähnt wurde und bei Loriot, leicht verfremdet als Kombi aus Haartrockenhaube und Staubsauger („Es bläst und saugt der ‚Heinzelmann’, wo Mutti sonst nur Blasen kann“) eine zotig-parodistische Widergeburt zeitigen sollte. Erika Hahns Hände waren freilich evtl. schon das unverzichtbar tragende Personal: Als Wilmenrod einmal vor laufender Kamera eigenhändig und ungedoubelt eine Pute tranchieren sollte, gab es ein Massaker, das das Grauen der damaligen Edgar-Wallace-Filme mühelos toppte!

Wilemrods kulinarische Koch-Kreationen atmeten den unvoreingenommenen, konzentrierten Wahnsinn eines gebrannten, aber auch begabtem Kindes, das im Begriff ist, die Welt neu zu erfinden. Oder in die Luft zu sprengen, je nachdem, was an Zutaten zur Verfügung stände. In der späten Nachkriegszeit („Wir hatten ja nichts!“) war Wilmenrod „vor nichts fies“, wie wir im Ruhrgebiet sagen,und nichts war vor seiner Experimentierlust sicher – er kochte ungeniert mit Dosengemüse, Ketchup,Glutamat-strotzenden Saucenbindern oder Tüten-Suppen, wobei er das jeweils Zusammengerührte großzügig mit phantasievollen, auratisch nach weiter Welt schmeckenden Namen garnierte oder überbuk: Das „arabische Reiterfleisch“ erwies sich dabei als simples gebratenes Hack, der „gefüllte Erdbeere“ war lediglich eine Mandel appliziert und dem schlichten panierten Schnitzel verlieh er generös den hochmögenden Grafentitel „Venezianischer Weihnachtsschmaus“ (Ich glaube, Loriots legendärer „Kosakenzipfel“ und das „Schnitzel Florida“ waren auch von Wilmenrod inspiriert…). Auch eine noch heute gebräuchliche Gastro-Marotte verdankt Wilemenrod die Existenz: Fiel dem Koch ausnahmsweise nichts ein, wurde halt irgendwas, was gerade da war, auf eine Scheibe Weißbrot geworfen und mit Käse überbacken. So entstand u. a. der unsterbliche „Toast Hawaii“, den ich, ich gestehe das, heute noch, mit gewissen Abwandlungen, goutiere.

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, der berühmte „Käse-Igel“, unverzichtbarer Party-Snack der Adenauer-Jahre, ging ebenfalls auf Wilmenrods Kreativität zurück. Was sich allerdings hinter Gerichten wie „Würstchen mit Austern“, „flambierte schwarze Banane“, „Zwiebelsuppe Renée“, „Tessiner Fischschnitzel“ oder „Päpstlichem Huhn“ verbarg, weiß ich nicht mehr, und da ich kein Steno beherrsche, kann ich die Notizen meiner Mutter (Lukullus habe sie selig!) nicht entziffern. Ich entsinne mich nur noch mit Entsetzen eines bei uns oft gegessenen Auflaufgerichtes, das Seelachs oder Kabeljau mit gekochten grünen Dosenbohnen kombinierte und beides im ‚Heinzelkoch’ mit einer derben Schicht gebutterten Paniermehls überkrustete. Es war, nun, … speziell.

Fairerweise muß man erwähnen, daß wir Deutschen heute noch immer über sauren Nierchen mit Pumpernickel brüten würden, hätte uns der Blender und geflunkerte Weltmann Wilmenrod nicht mit kulinarischem Fernweh infiziert. Er verwendete als erster den kurz  zuvor noch als „jüdisch“ verfemten Knoblauch, briet gern mit Olivenöl und schwärmte weltläufig von italienischer Pizza und Pasta. Daß die sog. „Fresswelle“ in Nachkriegsdeutschland bruchlos in die massentouristische „Reise-Welle“ überschwappte, war nicht zuletzt das Verdienst von Wilmenrods gefinkeltem Kosmopolitismus. Er hat den stabilsten, widerständigsten Hort deutscher Xenophobie geknackt – die Angst vor fremdem Essen! Ewiger Dank an Schwindelkönig Wilmenrod, nicht Schmalhans, sondern Breitmaul als Küchenmeister!

Die stilbildende Medienpräsenz des deutschen Hausfrauenlieblings zerbrach an der Geldgier des Maestros – oder an der Scheeläugigkeit der Neider beim WDR, je nachdem, von wo man guckt. Denn nachdem es mit dem ‚Heinzelkoch’ so gut geklappt hatte, hievte Wilmenrod immer unverfrorener und dreister Markenprodukte auf den Küchentisch, um lauthals Reklame zu machen. Der Erfinder des „Toast Hawaii“ ist, zumindest in Deutschland, auch der Erfinder der Schleichwerbung und des product placements gewesen, sowie, natürlich, der überflüssigsten aller Televisions-Genres nach dem Soft-Porno: der Koch-Show. Jedenfalls, die deutsche Hausfrau, damals noch vom Ehe-Vati vertreten, witterte Kommerz und Unredlichkeit, und da man Geldgier noch dumpf als Juden-Laster und undeutsch im Hinterkopf hatte, wurde Clemens Wilmenrod abserviert. – Bei mir bleibt der Mann dennoch unvergessen; er ist mir als Kind (also als ICH ein Kind war, nicht er!) derart auf die Nerven und den Magen gegangen, daß ich ihn quasi inkorporiert habe, wohl auch ins Herz geschlossen, wie alle, die sich an eine Kindheit in den 60ern erinnern.

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Unvergessen: der Prahlhans als Muttis Küchenmeister

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare - “Prahlhans als Küchenmeister”

  1. donqyxote Says:

    Da bin ich wirklich froh, dass wir damals keinen Fernseher hatten und ich anstatt so nem Zeug in Ruhe mein damaliges Lieblingsessen Bratkartoffeln, Salat aus roten Rüben, Rettichsalat und Marmelade aus roten Johannisbeeren (für Wassily: rauts Treiblesgsälz) geniessen durfte.
    Für die Nachkochenwollenden: die Kartoffeln sollten vom Vortag sein, die Pfanne aus Eisen und das Wichtigste ist, dass die Salate und das Gsälz mit gehörigem Abstand um die Bratkartoffeln drapiert werden, dass sie sich auf dem Teller nicht berühren und Geschmacksexlopsion erst im Mund stattfindet.

  2. richensa Says:

    Der gute Herr W. ist mir nicht mehr über den Bildschirm geflimmert, ich kann die „Gnade der späten Geburt“ hierfür verantwortlich machen!
    Mein Kochshow-Erlebnis, welches ich niemals nicht missen mag, gab Frau Süßmuth zum Besten, als sie bei Herr Biolek kochen sollte: sie hatte irgendetwas Kartoffelomelettiges (danke für das Stichwort, donqyxote!) zum Vorkochen ausgesucht, mir ist dabei irgendwie die „Bergische Kaffeetafel“ noch im Hinterkopf. Nun drängte ihr der Alfi, schon ordentlich angetütschert, die „guuute Eisenpfanne“ von seiner Mutter auf, die sie benutzen sollte. Frau Süßmuth ließ sich nur brummend von der beschichteten Pfanne im Sortiment abbringen und prompt brannte das Kartoffeldingsbums auch an.
    Puuuhhh, war DIE sauer, sie hat so wunderbar gezickt vor der Kamera und der Alfi war so be…soffen!
    Herrlich!
    Soweit zu Assoziationsketten!


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