Winterseels Jour Fixe (7): Entschuldigung!


Spiel_Mikado

Herkömmliches analoges Mikado

Der Papst beim Mikado

In der U-Bahn war Fredi Asperger ungewöhnlich schweigsam. Seit er an der Erfindung einer Art digitalem Mikado-Spiel arbeitete, die, wenn ich seine gemurmelten Andeutungen richtig verstand, ohne Stäbchen, „allein im Kopf“ gespielt würde, war er selbst für einen Autisten ein wenig unzugänglich. Nun ja, dachte ich auswendig bei mir: „Man liebt seine Erkenntnis nicht genug mehr, sobald man sie mitteilt“ (Nietzsche), und ließ Fredi in Ruhe denken. Seit er mir im Vertrauen einmal gestanden hatte, er habe ein mehrbändiges Werk über die mathematischen Grundlagen des Glaubenssystems der spätbyzantinischen Sekte der Barbelo-Gnostiker geschrieben, und zwar, wie er hinzufügte, „bloß im Kopf“, wo er es aber auch für alle Zeiten zu lassen gedenke, vertraute ich meinem kauzigen Freund praktisch zu hundert Prozent. Er konnte Dinge für sich behalten und mußte sich praktisch nie entschuldigen.

„Kann man sich, wie es der gauklerische Mutwille des Deutschen vorschlägt, selbst entschuldigen?“ – diese Frage diskutierte man bereits heftig und unter großem Getöse im Salon. Sven Aaron Mangold war, als Einserjurist und Tango-Virtuose, entschieden dagegen: „’Ich entschuldige mich’“ ist ein Satz, der an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist! Entschuldigen kann einen doch nur der, den man schuldhaft geschädigt hat!“ Es hieße ja auch, schleimte sich Enver Konopke beflissen ein, „wie wir vergeben unseren Schuldigern – und nicht, wie sich unsere Schuldner entschuldigen!“ Aber warum würde dann allenthalben und dauernd „von jedem Wichtigmann und Machtschädel“, so wörtlich unsere Miß Cutie, gefordert, er solle sich „für irgend’nen Scheiß“ entschuldigen?

Die Aquavit-Zwillinge, die an diesem Jour Fixe die Protokollführung übertragen bekommen hatten, protokollierten daraufhin, die Zungenspitze zwischen Zähnen, wer sich denn nach Meinung der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend entschuldigt habe. Der Papst, gerade weil er ein Ratzinger und damit ein Deutscher sei, müsse sie häufiger für den Versuch der Judenvernichtung entschuldigen, das kam auf Platz Eins; Obama sodann für die Ausrottung der Indianer; ob sich Obama, als immerhin Halbschwarzer, auch für die Versklavung der Afroamerikaner zu entschuldigen habe, wurde kontrovers diskutiert; ferner könne sich die englische Königin ruhig mal für die Dezimierung der Aborigines entschuldigen; der belgische König hätte immer noch zehn Mio Kongolesen auf dem Gewissen, für deren Hinmetzelung er unseres Wissens niemals, auch nicht durch zusammengebissene Zähne gemumelt, „Entschuldigung!“ gesagt hätte. Jedenfalls, am Ende hatten die Zwillinge anderthalb Meter Entschuldigungsforderungen an die Tapete im Herrenzimmer gekritzelt, wo sie, mit Einverständnis Dr. Winterseels, stehen bleiben sollten als „Mahnmal für noch unentschuldigte Völkermorde, Vertreibungen und Drangsalisierung Unschuldiger“. Den Aquavit-Zwillingen, einmal im Geschäft, übertrug man als „Kuratorium“ die Wartung des Mahnmals, also die Anbringung von Häkchen oder Bleistiftkreuzen dort, wo eine allfällige Entschuldigung mittlerweile erfolgt war.

Beim anschließenden Umtrunk fand ich mich dann plötzlich in der ungewohnten Rolle des einzigen Papst-Verteidigers wieder. „Der Mann kann ja gar nicht gewinnen!“ ereiferte ich mich. „Wenn er sich, wie gefordert, andauernd und überall verdammend über den Holocaust ausspricht, was ja im Grunde eine Selbstverständlichkeit ist, dann nimmt ihn keiner mehr ernst. Entschuldigt er sich hingegen nicht unentwegt für den Holocaust, den er und sein Verein ja nur sehr mittelbar zu verantworten hat, dann heißt es, er sei eine kalte Sau, ein Fisch oder ein Antisemit! Dieses Spiel gewinnt er nie!“

„Aber wer sagt denn, junger Freund,“ wisperte Oma Hager gemütvoll schmunzelnd in ihr Gläschen Chartreuse grün bzw. in die eintretende betretene Stille hinein, „wer sagt denn, daß der Papst gewinnen soll?“  Darauf wusste ich für einen Moment keine gute Antwort, denn ich verfüge zwar über eine scharfzüngige Schlagfertigkeit, nur leider mit einer irgendwie fest eingebauten Zeitverzögerung von zwei, drei Stunden, weswegen mir esprit-funkelnde Repliken immer erst einfallen, wenn ich daheim in der Wohnküche beim Wein sitze. Auch Arnold Winterseel zog es an diesem Abend vor, schweigend die Perlen eines Gebetskettchens durch die Finger gleiten zulassen, das ihm Enver Konopke verkauft hatte, für eine horrende Summe übrigens, weil es angeblich „vom Scheich von Urfa persönlich geweiht“ sei.

Auf dem Heimweg tröstete mich ausgerechnet Asperger. „Das ist wie beim herkömmlichen Mikado“, meditierte er, „wer sich als erster bewegt, um zu spielen, hat praktisch schon verloren…“

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One Comment - “Winterseels Jour Fixe (7): Entschuldigung!”

  1. joulupukki Says:

    „Sich entschuldigen“ mag ja noch angehen, weil es sich nun mal sprachlich so eingebürgert hat. Als ich letztens jedoch die U-bahn Durchsage „Wir entschuldigen die Verspätung“ hörte, ging die Dreistigkeit doch eindeutig zu weit!


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