Aus meinem neurotischen Vereinsleben


 

 

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Das waren Zeiten! Kraska mit seinem Philosophie-Examinator Theodor W. Adorno (links!)

EINE ABSCHWEIFUNG

 

Ich leide unter einer Art Abgrenzungsneurose. Das heißt, richtig leiden muß ich daran nicht eben gerade – es ist nur so, daß ich wie jeder Mensch eigentlich schon ganz gern irgendwo dazugehöre, denn das hebt einen und verrät Sozialkompetenz, selbst wenn es sich um einen Schützenverein handelt oder den Dachverband verbitterter Querulanten, Leserbriefschreiber und Prozeßhansel; wenn ich aber dann mal Mitglied einer Institution, eines Verbandes oder Vereines geworden bin, gibt es früher oder später eine Katastrophe, weil ich innerhalb des Clubs sofort wieder den Außenseiter machen muß, und zwar bis ich rausfliege. Krankhaft ist das! Ich könnte nur in extrem exklusiven Clubs Mitglied sein; exklusiv natürlich jetzt nicht wie diese snobistischen Golf- und Segelvereine, in denen schwer betuchte (Einstecktuch, Seidenhalstuch, Nummernkonto in Zürich) Silberlocken in blauen Blazern Cohibas schmauchend Prostataprobleme erörtern, sondern exklusiv im Sinne von extrem wenig Mitgliedern. Zum Beispiel befände ich mich als deutscher Aficionado de toros, als Freund des Spanischen Stierkampfes also, in einer Gemeinschaft von gerade mal ca. 400 Leuten, was bei 80 Millionen (sorry!) Deutschen schon als recht exklusiv gilt. Da ist selbst der Uigurische Heimatverein größer. Noch besser wäre es nur, einen Fan-Club des anarcho-individualistischen Anti-Philosophen Max Stirner zu gründen, da sich so ein Verein quasi als erste Amtshandlung selbst wieder auflösen müßte.

Kürzlich habe ich darüber nachdenken müssen, wie groß wohl der imaginäre Verein derjenigen Menschen sein mag, die nachts um 4.00 Uhr in der ARD diese Bahnfahrt-Filme anschauen, und zwar aufmerksam und konzentriert, so wie ich kürzlich die mit festmontierter TV-Kamera aufgenommene ICE-Fahrt Bonn-Berlin miterleben durfte, teilweise jedenfalls, weil die Fahrt zugunsten irgendwelcher blöder Nachrichten morgens um 5.00 Uhr abgebrochen wurde. Egal, jedenfalls: Diese Filme sind gar nicht langweilig! Fast möchte ich soweit gehen, eine Lanze für das wohlwollende Anschauen solcher Eisenbahnfilme zu brechen! Man „sitzt“ ja als Zuschauer praktisch, was man sonst nie darf, neben dem Lok-Führer, hat einen wunderbaren Blick und man „fährt“ sehr häufig durch geradezu bizarr unschöne, wüste und nur selten blühende Landschaften, vielmehr häufiger durch heruntergekommene Gewerbegebiete, Industriebrachen, über großflächig stillgelegte, verrostete, schon von hartem Gras überwucherte Gleisanlagen, vorbei an leer gähnenden, seit langem aufgelassenen Kleinbahnhöfen. Schaut man sich das konzentriert an, gerät man als notorischer Geisteswissenschaftler und Kulturmensch bald in eine nützliche, will sagen irgendwie „statistische“ Stimmung. Es steigen seifenblasenhaft gewisse Fragen im eigenen Inneren empor, die man sich gewöhnlich nie stellt: Wieviel LIDL-Filialen gibt es eigentlich? Warum betreibt man keine Güterbahnhöfe mehr? Wieviel Kilometer Faxe werden wohl noch täglich verschickt? Wer hat den Bürodrehstuhl eigentlich erfunden?

Ich weiß nicht, ob man mich versteht. Es ist halt so, daß man virtuell durch Erwerbs- und Verwaltungslandschaften gleitet und sich dabei klar darüber wird, wieviel Menschen jeden Tag doch das ungefähr ziemlich Gleiche tun zwischen Bad Herleburg und Gütersloh, nördlich vom Ettenheim-Münster, westlich von Fürstenwalde und südlich von Süderbrarup. Es handelt sich um einen Trivialitäts- und Kontingenzschock. („Kontingenz“ bitte nachschlagen, wenn nötig!) In der Nähe von Süderbrarup sind mal Kinder in einem Schulbus erfroren, denn der Winter war hart, sie schneiten ein und Helikopter standen noch nicht zur Verfügung. Ich streue das hier nur eben ein, um Zeugnis dafür abzulegen, daß auch in sehr unbedeuteten, kaum bekannten Örtchen Dramen, ja, Tragödien sich abspielen können. Die erste und auch schon Definition von „Kontingenzschock“ kommt übrigens vom versoffenen Nationaldichter Grabbe: „Einmal im Leben auf der Welt, und dann als Drogist in Detmold!“

Das Schönste an den Bahn-Filmen ist aber, daß man, sofern es ein ICE-Film ist, ja unverkennbar mit reichlich Schmackes durch die Gegend saust, die rechts und links nur so vorüberfliegt, und zugleich, weil man ja vor dem Fernseher sitzt, keinen Realmeter vorankommt. Man befindet sich ziemlich genau in jenem „rasenden Stillstand“, den der Kulturkritiker Paul Virilio immer angeprangert hat. Warum dieses Anprangern, ist mir allerdings nie ganz einsichtig geworden, weil, wenn jemand gegen dauernde Beschleunigung und verschärfte Geschwindigkeit von allem und jedem ist, das ist Stillstand doch gut, ob rasend oder nicht! 

Um den Menschen, die seit Jahren ohne Fernseher glücklich sind, noch etwas zu beißen zu geben: Noch mehr Stillstand ereignet sich eigentlich nur in den berühmten deutschen „Tatort“-Krimis. Während eines durchschnittlichen, um 20.15 Uhr abfahrenden Tatort-Krimis, sagen wir vom MDR, kann man bequem in Gedanken einmal durch alle sieben Kreise des Danteschen Infernos spazieren, und ist dennoch lange, lange vor der „Auflösung“ des Krimis wieder da, wo sich soeben die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ (Nietzsche) ereignet: Kommissare runzeln die Stirn, schauen irritiert, müssen „noch mal los“, steigen in den Wagen, parken aus, wechseln Worte und Meinungen mit ihrem mitfahrenden Kollegen, riskieren je nach Temperament einen Scherz oder eine sarkastische Bemerkung, dann kommen sie irgendwo an, parken ein, steigen aus dem Wagen, gehen ein paar Schritte bis zum Haus, klingeln dort an der Türe, warten, bis geöffnet wird, um dann zu sagen: „Entschuldigen Sie, Frau X,  eine Frage hätte ich doch noch: Wie war eigentliche ihre Ehe mit dem Ermordeten?“, dann bekommen sie unbefriedigende Antworten, trollen sich darob leicht verfinstert wieder, um in ihren Wagen zu steigen, auszuparken und zum Präsidium zurückzufahren, wobei der Kommissar brummt: „Irgendetwas verschweigt sie uns!„, und vielleicht fahren sie auf dem Weg noch in die Pathologie, wo ein exzentrischer Forensiker inzwischen „die Ergebnisse“  sowie aus der in Frage stehenden Leiche etwas herauszupulen und nun zu präsentieren hat, das dem Fall eine neue Wendung gibt, und dan  steigt man mit dem braunen Umschlag ins Auto und… ja, so geht das immer weiter und weiter, wie im richtigen Leben, nur in zähflüssig klebriger, fädenziehend zeitlupenhafter Laangsamkeit,  die dann pünktlich um 21. 45 Uhr gänzlich zum Stehen kommt, wobei der Mörder oder die Mörderin in aller Regel vom bekanntesten Gastschauspieler dargestellt wird, sodaß man schon weiß,  „wer es ist“, was die Spannung nicht gerade zum Glimmen bringt. Man hat so ein Gefühl wie ich einmal in einem ambivalenten Angstlust-Alptraum, in dem ich in einem Pool voll Heidehonig das Freischwimmerabzeichen machen mußte.

Albträume sind ja oft unvergeßlich und lehrreich. Ich habe mal beim berühmten Theodor W. Adorno ein Philosophie-Examen ablegen müssen, er kam dafür ins Haus zu meinen Eltern, weil ich erst sechs Jahre alt war und einen Frottée-Schlafanzug trug, und ich mußte, während Adorno unten im Wohnzimmer am Nierentisch mit meinen Eltern Portwein trank, meine Dissertation rätselhafterweise im Kinderzimmer auf Toilettenpapier schreiben, mit abgebrochenen Wachsmalstiften und dem groben Sisalteppich als Unterlage, sodaß es mir nur unzureichend gelang, meine Gedanken angemessen zum Ausdruck zu bringen. Diesen Traum hatte ich vor zig Jahren, im Studium, aber noch heute grübele ich, was er mir eigentlich sagen wollte, denn so ein Quatsch kann doch nicht ohne Sinn sein!

Immerhin bin ich m. W. nicht nur der einzige Grundschüler, der noch vor Abschluß der ersten Klasse  bei Adorno promoviert hat, sondern auch einer der ganz wenigen Linken, mit dessen Eltern Adorno Liqueurwein zu sich genommen hat! Das ist an Exklusivität kaum noch zu überbieten! An Entschleunigung allerdings auch nicht, denn mithin habe ich für meinen Studienabschluß runde 50 Jahre benötigt – was den heutigen Regelstudiensätzen wiederum energisch Hohn spricht.

Am besten werde ich mich allmählich mit einer Berufswahl auseinandersetzen. Was mir vorschwebt, ist entweder „Tatort“-Komissar oder Lok-Führer bei der Fernseh-Bahn. Beides wären Berufe mit einem gewissen metaphorischen Mehrwert!

 

 

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9 Kommentare - “Aus meinem neurotischen Vereinsleben”

  1. donqyxote Says:

    Wenn du Tatortkomissar wirst, dann sei der erste, der das Auto abschließt. Wenigstens so von weitem mit dem Klick auf den Schlüssel oder tu wenigstens so….

  2. hyke Says:

    Wow! an einem einzigen Abend eine gesamte Dissertation auf (Klo)-Papier zu bringen, das ist ja wohl kein Albtraum.

  3. ottogang Says:

    80 Milliarden Deutsche ?
    Da wäre doch die Welt schon lange dem Untergang geweiht.

  4. ottogang Says:

    Entschuldigung, eine Frage hätte ich noch, was sind „Tatort-Krimis“ ?
    Die Bahnfahrten verfolge ich nämlich fast regelmäßig unregelmäßig um am beginnenden Tagesanbruch noch ienmal in Tiefschlaf zu fallen.

  5. lakritze Says:

    Ich schaffe sofort wieder einen Fernseher an!

  6. oachkatz Says:

    Schade, dass Albträume selten so vergnüglich sind, wenn sie geträumt werden…


  7. Mein neurotisches Vereinsleben mit metaphorischem Mehrwert sieht so aus:

  8. Grzimek Says:

    Lieber Tierfreund,

    der Erwerb des Freischwimmerabzeichens in einem Pool voll Heidehonig ist kein Angsttraum, sondern durchaus machbar. Besuchen Sie unser Aquarium –

    http://www.zoo-frankfurt.de/deutsch/paedagogik/paedagogik.html

    und Sie werden unter therapeutischer Anleitung das Schwimmen nicht nur in Honig, sondern auch in Hai-de-Honig erlernen können.
    Dieses Therapieangebot ist zwar nicht ganz billig, die Kosten werden aber von manchen privaten Krankenkassen übernommen.


  9. […] «Die Gesellschaft erkennt den Neurotiker nicht, weil die Gesellschaft neurotisch ist.» Eine weitere streng assoziative Abschweifung. […]


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