Alles neu! Alles gut?


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Rennen, um wenigstens den Platz zu behaupten: Alice und die Königin

 Reinhard Haneld läßt das Neue alt aussehen:

ÜBER DEN KULT DER INNOVATION

Wer die schlichte Suchwort-Kombi „Jetzt neu“ googelt, bekommt knapp 4 Mio. Seiten geliefert. „Neu“ ist Konsum-Imperativ, aufmerksamkeits-ökonomische Schlüsselqualität und allgemeines Qualitätsversprechen. Neu ist schon mal gut! Betrachtet man Gebiete wie Ökonomie, Politik, Kunst und Kultur, so scheint sich heute Bertolt Brechts lyrische These aus den 20er Jahren zu bewahrheiten: „Alles Neue ist besser als alles Alte“! 

Aber das Neue ist nicht harmlos. Es kommt nicht einfach zum bereits Existierenden hinzu, es verdrängt Bewährtes, macht es zu Altem, Veraltetem. Immer schneller dreht sich heute die Innovationsspirale: Das Neue von heute ist morgen schon seinerseits wieder veraltet. Der ökonomische und wisssenschaftlich-technologische Innovationsdruck ist ungeheuer. Auf vielen Gebieten folgen wir heute der Logik der „roten“ (bei uns: schwarzen) Schach-Königin aus Lewis Carolls „Alice hinter den Spiegeln“: 

Nach einem rasanten Wettlauf mit der Königin, bei dem sie allerdings beide keinen Schritt vorwärtsgekommen sind, japst Alice: „…in unserer Gegend… kommt man im allgemeinen woandershin, wenn man so schnell und lange läuft wie wir eben.“ Die Königin aber versetzt verächtlich: „Behäbige Gegend! Hierzulande mußt du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Und um woandershin zu kommen, muß man noch  mindestens doppelt so schnell laufen!“ Darauf weiß die Alice die einzig vernünftige Antwort: „Ich möchte bitte lieber nicht!“

Wir haben allerdings keine Wahl. Laufen wir im Hamsterrad permanenter Innovation nicht mehr mit, dann fliegen wir vom Laufband, gehören zum alten Eisen, geraten in Verdacht, den karriere-kategorischen Imperativ des „lebenslangen Lernens“ nicht mehr zu befolgen, und zur Strafe werden wir bald die einfachsten Dinge nicht mehr bewältigen können: Lesend und schreibend kommunizieren, telefonieren, fotographieren, unseren Fernseher programmieren, unser Auto fahren. Wer treibt wen? Treibt die Erneuerung uns mittlerweile schon vor sich her?

Immer war das nicht so. In vormodernen Epochen stand man dem Neuen mit Distanz und Skepsis gegenüber. In der Antike zum Beispiel, also bei denen, die man früher „die Alten“ nannte: Entweder leugnete man die Existenz des Neuen gleich ganz (Prediger Salomo: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“) oder schätzte es gering wie in der römischen Republik, in der man verächtlich auf den „homo novum“ herab sah, den Emporkömmling ohne die Abstammung aus einer der alten Familien Roms. In jenen Zeiten hatten es neue Bücher und Autoren schwer: Besser, der New-Comer publizierte unter fremdem, bereits etablierten Namen! Und wer reich werden wollte, in dem er eine neue Religion begründete, tat gut daran, den neuen Kult mit Altbekanntem zu verbinden. Das Alte, Bewährte versprach Sicherheit und Gewißheit. Die Ordnung der göttlichen Schöpfung war endgültig festgelegt – was konnte da überhaupt neu sein?

Nur langsam setzte sich die Akzeptanz des Neuen durch – die christliche Religion wirkt dabei paradoxerweise als Bremse und Motor zugleich! Sie brachte hervor, was sie zugleich mit ängstlichem Mißtrauen beäugte: die Neuzeit. Ein Dynamik entsteht, die sich schon bald nicht mehr aufhalten läßt. Das Alte, Hergebrachte verliert seine Ehrwürdigkeit, das Neue an sich wird zum Versprechen auf Besserung, Befreiung, ja, Erlösung…

Am Dienstag, den 21. April 2009 ist es um 20.00 Uhr wieder soweit: Der in Duisburg und Umgebung schon beinahe bekannte Philosophiedidaktiker Reinhard Haneld hält in der hiesigen Volkshochschule einen seiner interessanten Vorträge, bei denen es wie immer viel zu staunen und zu grübeln, manchmal auch etwas zu lachen gibt, sowie einen Sack voll Antworten auf Fragen, von denen man gar nicht wußte, das man sie auf dem Herzen hatte. – Also ich geh da wieder hin!

 

 

 

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19 Kommentare - “Alles neu! Alles gut?”

  1. hyke Says:

    Ich gehe hin x find ich gut

  2. donqyxote Says:

    Find ich auch gut, möchte steigern:
    Besser wäre, wenn die Volkshochschule mit veralteter Innovationstechnik dem weltweit interessierten Publikum ermöglichen könnte !

  3. donqyxote Says:

    Damit kann die Duisburger Volkshochschule in den Olymp der digitalen Elite aufsteigen !

  4. oachkatz Says:

    Oder wie wäre es denn wieder mit der mittelinnovativen Technology der Hörbucherstellung? Ein angedeutetes Versprechen in diese Richtung könnte die Frustration darüber, nicht am Ort des Geschehens zu weilen – übrigens das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir wünsche in Duisburg zu wohnen – etwas mildern.

    • 6kraska6 Says:

      Also die VHS und moderne Aufnahmetechnologie, das ist… das wär…das wär wie ein Nashorn, das sich für den Klavierunterricht anmeldet. Es fehlt an Geld und vielleicht auch generell an Kompatibilität…

  5. lakritze Says:

    Du könntest die Powerp.oint-Präsentation ins Netz stellen. Und dann vielleicht eine kurze Nachricht bei twitter …

  6. oachkatz Says:

    Hm, ich dachte gar nicht so sehr an die VHS als an den Vorlesenden und Urheber..

  7. joulupukki Says:

    Also ich geh da nicht hin. Und das liegt natürlich mitnichten an der schier unüberwindlichen Distanz, nein, nein, ich halts da wie Alice und sage: Ich möchte bitte lieber nicht! Dieser Haneld soll ja ein ganz gerissener Eigenlobhudler sein, hab ich mir sagen lassen. Kraska, lass die Finger davon! :-p

    • 6kraska6 Says:

      Der Haneld ist ein bettelarmer, nahezu unbekannter Wandernder Rechtschreibemönch und freiberuflicher Welterklärer – der braucht halt Werbung (insbesondere beim gegenwärtig herrlichen Frühlingswetter, wo die Leut besseres zu tun haben als in philosophischen Vorträgen zu hocken); das Werben übernehme, weil er nicht mag, ich für ihn; dafür hilft er mir manchmal ein bißchen beim Schreiben. Außerdem, wenn ich da nicht hingehen würde, fehlte die wichtigste Hälfte des Publikums. Und Claqueure sind teuer…

  8. donqyxote Says:

    Ich denke immer wie die praktische Hausfrau und die nimmt Backpulver von Dr. Oetker, damit der Teig für die Striezl richtig schön aufgeht.
    Ja, ich weiss, das ist Quatsch,, dafür nimmt frau natürlich Hefe, aber für den Walnusskuchen braucht mann Backpulver von Dr. Oetker.

    Lange Rede, kurzer Sinn, ich nenne jetzt zum dritten Mal Dr. Oetker und Backpulver und weise darauf hin, dass fast alle Rezepte im Netz sind, aber keine Philosophievorlesung vom Welterklärer Haneld.

    Dr. Oetker würde künftig nicht nur mit dem Begriff Backpulver sondern mit dem Begriff „digitale Elite“ in Verbindung gebracht, wenn hier mal ein Seil zur VHS Duisburg geknüpft werden könnte !

    Herr Witt, übernehmen Sie ?

  9. joulupukki Says:

    Werter Herr Kraska,
    Ich muss gestehen, doch eine gewisse Rührung angesichts ihres zärtlichen Naheverhältnisses zu Herrn Haneld zu verspüren. Doch haben Sie jenes auch wirklich kritisch hinterfragt? Entpuppt sich nicht allzu oft ein „eine Hand wäscht die Andere“ als einseitige Profitierung der einen auf Kosten der anderen Hand, die dann bei genauerer Betrachtung noch Spuren von schändlichen Schmutzresten aufweist, sofern die genauere Betrachtung nicht ob der die Sicht versperrenden abwinkenden Geste der blendenden einen überhaupt möglich ist. Mitnichten möchte ich Herrn Haneld Unrecht tun und doch von Herzen anraten, Vorsicht walten zu lassen. Wäre doch schade, Sie wie schon so manche gutgläubige Hausfrau eines Tages im fortgeschrittenen Alter am heimischen oder in Ihrem Fall beruflichen (denn um ein solches handelt es sich doch?) Abstellgleis zu sehen, bloß weil sich ein vermeintlich ausgeglichenes Verhältnis eines Tages als trügerisch herausstellt.

    Mit besorgten Grüßen,
    eine Leserin

  10. eMKa_RuKa Says:

    So’n Schiet, schon wieder den VHS-Termin mit R. Haneld verpasst. Werde mir mal das VHS-Programm auf WV legen, damit ich diesen begnadeten Philosophiedidaktiker endlich mal persönlich kennen lerne. Liegt mir schon seit seligen Qype-Zeiten am Herzen.

  11. vilmoskörte Says:

    „Das lebenslange Lernen“ entpuppt sich bei genauem Hinsehen als „Lebenslanges nicht-mehr-richtig Lernen“. Wollen uns doch die ewigen Beschleuniger einreden, dass das, was ich heute lerne, in zwei Jahren schon nicht mehr aktuell sein wird. Da ist es doch gleich besser, erst gar nicht mehr zu lernen oder nur noch ein wenig an der Oberfläche zu kratzen. Und so ist dann die Gesellschaft: Keiner weiß mehr richtig mit den Werkzeugen seiner Profession korrekt umzugehen und viele Produkte und Dienstleistungen sind viel schlechter, als sie sein könnten.

    • 6kraska6 Says:

      @vilmos: „Keiner weiß mehr richtig mit den Werkzeugen seiner Profession korrekt umzugehen und viele Produkte und Dienstleistungen sind viel schlechter, als sie sein könnten“ – in einem Punkt kann ich das beurteilen: Schriftsatz & LayOut. Seitdem es keine gelernten Schriftsetzer mehr gibt, ist das ästhetische Niveau im permanenten Sinkflug. Bald weiß keiner mehr, was mal MÖGLICH war. Alle haben nur noch Augenschmerzen (wenn es so qnypt in den Augen), wissen aber nicht, warum.

      • vilmoskörte Says:

        Die miserablen Druckerzeugnisse hatte ich auch im Kopf. Das ist natürlich heute besonders arg, wo jeder Depp, der keine Ahnung hat und z.B. den Unterschied zwischen Gravis und Akut, zwischen Bindestrich und Gedankenstrich, zwischen Anführungszeichen und Zollzeichen nicht kennt, mit Word (würg) Dokumente erstellt. „A fool with a tool remains a fool“ pflegen wir da in der Informatikbranche zu sagen.

        Aber der Verlust geht ja ganz Allgemein beim Handwerk weiter — Bäcker, Metzger, Schuhmacher scheinen ja zu den langsam aussterbenden Berufen zu gehören, überall gibt es nur noch Einheits- und Wegwerfwaren, was gerade bei den Lebensmitteln besonders schmerzhaft ist.

  12. vilmoskörte Says:

    Ach so, schade das D. so weit von B. entfernt ist.

  13. lakritze Says:

    Vilmos, die Einheitsschuhe kenne ich (zur Genüge — mir passen sie nicht). Aber die Wegwerfwurst?😉
    Ihr habt jedenfalls vollkommen recht, leider.

  14. joulupukki Says:

    Aber immerhin gibt es sie noch, die Nischenbe- und vertriebe, die auf Qualität bauen. Und zum Teil damit auch verdient erfolgreich sind (Manufactum z.B.).
    Wenn einem die Wahrung der Lebensqualität wichtig ist, dann ist es halt auch zielführend, diese Betriebe zu unterstützen.
    Oft eine Frage der Information (wo bietet wer was aus welchen Ressourcen an?), manchmal eine Frage der Kreativität (selbst anbauen?) und nicht zuletzt natürlich eine Frage des Budgets, aber auch da kann man im kleineren oder größeren Rahmen Kompromisse finden, sofern man (noch) nicht an der HartzIV Schwelle steht. Gerade beim Essen gönn ich mir z.B. lieber nur ein bis zwei mal im Monat Fleisch, aber das muss dann auch qualitativ hochwertig sein und darf dafür auch mehr kosten.


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