Heimsuchung in Birnbaum


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In Birnbaum sieht es nach Krieg und Pestilenz aus...

Mit wachsender Faszination blättere ich in der Chronik der Stadt meiner Vorväter, was sich heißt heute Międzychód, Woiwodschaft Wielkopolskie, und ist ehemals gewesen unser scheines Birnbaum an der Warthe. Obschon in und um Birnbaum immer wieder der Krieg tobte, besaß man offensichtlich ein hochsensibles Moralbewusstsein. Nicht nur, weil man den halbblinden Schneider Jakob, der seis aus Kurzsichtigkeit, seis, weil ihm eine Hexe dafür die Wiederherstellung des Augenlichts versprochen hatte, mit einem Schwein verkehrte und, dabei erwischt, gleichen Tages noch enthauptet und gemeinsam mit der Sau verbrannt hatte, – nein, wenige Jahre später erhängte sich der Sohn des Dorfschmieds von Birnbaum, der erst 18-jährige Christoph Urbahn im väterlichen Kuhstall, allein weil er beschuldigt worden war, „die Hofmagd beschwängert“ zu haben. Eine Aussage der Magd ist nicht überliefert.

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Mysteriöses "fliegend Gewürmb"!

Im folgenden Jahr aber kam der Horror: ein fliegend Gewürmb, zwei Finger Glied lang“ ergriff die Schreckensherrschaft über Birnbaum und terrorisierte einen Sommer lang Mensch und Tier. Über dreissig Tote waren zu beklagen – allesamt Opfer dieser sonderbaren fliegenden Würmer, die etwa so beschrieben wurden:

„Ihre Gestalt ist gewesen ein Schwartz Rauhes Gesichte, mit zweinen Hörnern, auff dem Rücken gantz gelbstreifficht, vier gelbe Flügel, zwei große und zwo kleine, 9 Beinbe 6 gelb streifigte und 3 Schwartze, mitten unten dem Bauche einen langen Spitzigen Stachel, und eine scheide, worin er (der Wurm, das Insekt) den Stachell geleget, wan er geflogen; die Dicke des Stachels war wie eine Schweines-Crust; und Welche Menschen oder Welches Vieh, eß mocht sein Ochse, oder Pferdt, damitt stach, mußte in 24 Stunden des Todes sein, so ferne Ihme nicht balde gerathen wardt, durch außschneidung der Gifft; Undt sindt auff die 30 Persohnen von diesen Würmern Umbs leben gebracht worden, ohne daß Rindt- und Pferde-Vieh.“

Hm, das ist sonderbar. Abgesehen davon, daß man sich bei den Beinen verzählt haben mag: Auf keine Art von Wespen, Hornissen, Bremsen o. ä. paßt die Beschreibung auch nur annähernd. Was waren das für Tiere? Wo kamen sie her? Volle fünf Monate jedenfalls terrorisierten diese Aliens Birnbaum und die umliegenden Dörfer:

Ihre (der „Würmer“, Kraska) Regierung  War 5 Monath lang, als vom Mart (März) biß auff den letzten July, darnach haben sie sich verlohren, unndt nicht mehr gesehen Worden. Unter andern ist auch einer von unsern Mitbürgern, Nahmens Meister Gottfried Wulffsberger, ein Riemer, … ins Angesicht gestochen worden, Welcher aber durch alßo balde außschneidung der Gifft beim Leben ist erhalten Worden, Wie solches genungsam an Ihme zu ersehen gewesen.“

Wer mir Hinweise auf die Identität des neun-beinigen, vier-flügligen, giftig stechenden „Gewürmbs“ geben kann – ich wäre für jeden entomologischen Fingerzeig dankbar! – Die Birnbaumer konnten nach Abzug des „Gewürmbs“ erstmal kurz verschnaufen. 1680 passierte nur ein vergleichsweise kleines Unglück in Form eines alkoholbedingten „Todesfalles“:

Im folgenden Jahre 1680, (den 16ten August) fiel der hiesige Bürger und Tuchmachermeister Martin Söhn vom Rathhause herunter, indem er in trunkenem Zustande sich auf die Lehne des Umganges gesetzt, darauf eingeschlafen, und so liederlicher Weise herunter gestürzet. Er starb am 3ten Tage.“

Leben und Sterben in Birnbaum! So schnell kann es gehen. Das zu den Gefahren des Alkohomißbrauchs. Schon Ende 1680 kam es aber schon wieder dicke für die geplagten Birnbaumer. Als sie gegen Ende des Weihnachtsfestes den Blick zum Himmel wandten, stand ihnen sperrangelweit das Maul offen vor Schreck und Kümmerniß:

„Am letzten heiligen Weihnachtstage desselben Jahres 1680, Abends zwischen 8 und 9 Uhr, zeigte sich ein überaus großer Comet“. Aus Thorn berichtete man, daß „die Lange des Straußes der Blume, also des Schweifes so er hinter sich stehende gehabt, in sich begriffen 810 Meilen, die Breite aber 30 Meilen.“ Die Chronik vermerkt düster: „Seine Bedeutung soll sein Krieg und Pestilenz. Der Höchste Woll solches in Gnaden von Unß abwenden.“

Aber der Höchste dachte gar nicht daran, ausgerechnet von den Birnbaumern „Krieg und Pestilenz“ abzuwenden. Ganz im Gegenteil, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte…

 

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One Comment - “Heimsuchung in Birnbaum”

  1. lakritze Says:

    Jetzt fange ich von hinten an mit den Birnbaum-Geschichten, aber das ist doch allzu köstlich und barock. Scheint mir, über den Daumen gepeilt, kulturgeschichtlich ziemlich genau die Mitte zu sein zwischen „lausen sich alle drei Tage und üben Zielweitwurf mit roh behauenen Steinen“ und „essen Tütensuppen und suchen sich, ganz aufgeklärt, ihre Nachrichten im weltweiten Netz zusammen“.


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