Arnold Winterseels Jour Fixe (V): Wenn Frauen Angst einflößen


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Angsteinflößend: Die Frage "Findest du mich zu dick?"

ÜBER DIE ‚KUNST DER LISTE‘

Das einzige eigentlich, was man Freund Fredi Asperger bei unserem Jour Fixe je hatte sagen hören, war „F…fff…ff…f…“, – und zwar, als ich ihn das erste Mal einführte und man ihn nach seinem Namen fragte. Als ihm dann jedoch unsere Miss Cutie ein aufmunterndes Lächeln schenkte, war es zunächstmal ganz aus und vorbei und Fff…f…redi verfiel, mit brennenden Wangen und glutrot leuchtenden Ohren, in einen quasi-katatonischen Verlegenheitsstarrkrampf,  aus dem ich ihn erst auf dem Heimweg, unter Aufbietung all meiner rhetorischen, didaktischen und therapeutischen Möglichkeiten, wieder herauslocken konnte. Ob denn etwa, so bestürmte ich ihn beispielsweise in der U-Bahn, junge, wohlgewachsene, verständige und überdies extrem aufgeschlossene Mädels wie Miss Cutie (die übrigens eigentlich Ilona hieße), bei ihm nicht auch gewisse positive, freudige und allgemein bejahende Gefühle auszulösen vermöchten? Unglücklich deutete er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf seinen Unterleib, was ich bereits als „normal“ wohlwollend bewerten wollte, als er dazu missmutig hervorstieß: „Bauchschmerzen … so ziehend … krampfartig!“

Getrieben von seinen diversen autistischen Zwanghaftigkeiten hatte Fredi bereits eine systematisierte und hierarchisierte Liste aller Dinge angelegt, die ihn ängstigten: Flirtbereite weibliche Hübschheiten rangierten dort hinter „so entzündlichen Bakterien und Fibrillen, die überall herumfliegen“,  „großblumig bedruckten Nylonkittel-Schürzen“, „kleinen Hunden mit Haarspangen und schrillen Stimmen“ sowie „saurer Milchsuppe mit Zwiebeln und toten Fliegen“ auf Platz Fünf der unmittelbar anxiogenen Alltagsbegegnungsgefahren. Ich mußte ihm lebenslanges Schweigerecht geloben, bevor er sich bewegen ließ, mich auch zum nächsten Treffen wieder zu begleiten.

Hier mauserte ich mich erst einmal zu Aspergers Schweigeassistenten, denn in der Runde stritt man sich lärmend und z. T. obzöne Verwünschungen ausstoßend über die Reichweite des Goedelschen Unvollständigkeits-Theorems – da mußte ich passen, denn speziell höhere Mathematik gehört zu den Dingen, die nun wiederum mich, obwohl oder eventuell gerade weil ich kein Autist bin, stark beunruhigen. Obwohl Asperger nicht das Wort ergriff, kam er jedoch voll auf seine Kosten, denn Dr. Winterseel, unser Meister und zartbesaiteter Traurigkeitslehrer, sprach an diesem Abend über die bizarre chinesische und japanische Kunst, Listen aufzustellen. (Darüber wird noch zu berichten sein!) Meinen in Hinblick auf Asperger gemünzten Vorschlag, wir könnten doch mal gemeinsam eine Liste aufstellen, wann bzw. in welchen Situationen man sich vor Frauen ängstigen muß, griff Einserjurist und Liebschaften-Experte Sven-Aaron Mangold begeistert auf. Wir kamen auf ungefähr folgende Liste:

 Wann Frauen Angst vor heraufziehenden Gefahren einflößen

 Beim Schuhe-Kaufen

Wenn ein hormonell bedingter Kinderwunsch besprochen oder aber möglichst gleich erfüllt werden soll;

An den Tagen vor, während und kurz nach den „Tagen“;

Wenn man auf die Frage, ob das grüne oder das rote Kleid ihr besser stünde, mit „beide“, „das grüne“, „das rote“ oder „egal“ antwortet;

Wenn sie beginnen, einem in der Öffentlichkeit Flusen oder Fusseln vom Sakko zu zupfen;

Wenn sie fragen: „Und? Wie findest du meine Mutter?“

Wenn sie fragen, woran man gerade denkt;

Wenn sie nach der ersten gemeinsamen Nacht sofort bei einem einziehen wollen;

Wenn sie sagen: „Ich glaube, wir sollten mal eine Weile auf Alkohol verzichten“;

Während der Auseinandersetzung, wer das Haus, und wer die Kinder bekommt;

Bei Südwind, Föhn oder abruptem Luftdruckwechsel;

Bei Vollmond.

 Oma Hager und Miss Cutie, die beide kichernd über ihrem „Chartreuse grün“ saßen, verlangten dann unisono, jetzt müßte aber noch ein Liste her, womit Frauen Männer „total scharf“ machen würden. Nicht, daß mich das nicht gereizt hätte, aus dem wohlgefüllten Nähkästchen empirischer Lebenserfahrungen zu plaudern, aber erstens sorgte ich mich um Freund Asperger, und außerdem räusperte sich Dr. Winterseel und erklärte deutlich pikiert, wir hätten offenbar die philosophisch-literarische Subtilität der asiatischen „Kunst der Liste“ noch gar nicht verstanden. Da kommt wohl noch was nach…

 

 

 

 

 

 

 

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One Comment - “Arnold Winterseels Jour Fixe (V): Wenn Frauen Angst einflößen”

  1. joulupukki Says:

    Herrlich – ich liebe die Jour Fixe Artikel!
    Hab mich gerade gefragt, wie das Listenäquivalent für Männer aussehen müsste, doch es fällt mir beim besten Willen nichts ein. Spricht das jetzt für oder gegen Männer?


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