Sie können nicht anders!


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Gewährsmann Friedrich Nietzsche (1844-1900)

 DEUTSCHLAND IM GERECHTIGKEITSFIEBER

„Ganz Deutschland“, so informiert uns die BILD-Zeitung („Gierige Geldsäcke!“ titelt die offenbar gemeinnützige Obdachlosenzeitung des Springer-Verlags in ressentimentsabbernder Anbiederung), ist mal wieder im sozialen Gerechtigkeitsfieber! Aufreger der Woche sind natürlich die Manager-Deppen der Dresdener Bank, die sich öffentlichkeitswirksam Millionen-Boni auszahlen, nachdem sie Milliarden in den Sand gesetzt und dafür hilfsweise Staatsknete beansprucht haben. Tja, na ja. Jetzt, wo viele Menschen in der Krise um Job, Auskommen und Existenz bangen, kommen Ressentiments gut an, also springen alle auf den Sozialneid-Zug und grooven sich ein: Allen voran die Politiker der staatstragenden Parteien – die erst dafür gesorgt haben, daß ohnehin hochbezahlten Managern leistungs- und erfolgsunabhängige Bonuszahlungen vertraglich zugesichert werden können. – Freilich, auch wenn die „Geldsäcke“ nun reihum aufeinander zeigen und rufen „Haltet den Dieb!“, wird daraus noch keine Selbstkritik der besitzenden Klasse.

Ich persönlich finde ja, „geldgeile, inkompetente Manager“ ist sowieso ein Pleonasmus. (Wie? Ja, genau: Wie „weißer Schimmel“!) Auch Habgier wächst mit ihren Ausgaben. So what? Mich langweilen solche Geschichten! Geld, Geld, Geld! Ich gähne vernehmlich, und das nicht, weil ich etwa zu den Reichen und Wohlgestopften gehörte. Keineswegs! Aber was gehen mich die Millionen von irgendeinem verantwortungslosen Spekulanten-Arsch an? Soll er doch verrecken damit, oder glücklich werden, ist mir doch wurst! Ich sage das jetzt mal so unverblümt. Möchte ich vielleicht ein Leben führen wie dieses öde verkommene Superreichen-Geldpack?

 Als Feinschmecker sozialmoralischer Verwahrlosung hat für mich folgende Geschichte schon mehr Raffinesse: Offenbar eigens dafür abgestellte Spitzel der Stadt Göttingen haben einen Sozialhilfeempfänger dabei beobachtet, wie er sich in der Stadt ein paar Cent Zigarrettengeld erbettelte. Ganze € 7,40 hat er sich erschnorrt – was die Stadtbüttel, die jeden Cent offenbar mitgezählt haben, zu 120,00 Euro im Monat „hochgerechnet“ …und dem armen Schlucker anschließend als „zusätzliches Einkommen“ von der Sozialhilfe abgezogen haben! Solche Bürokrateseelen sind keine Monster, sondern „auch nur Menschen“! Nur haben sie anstelle des Herzens einen automatischen Bleistiftspitzer implantiert, und sie haben ihre Vorschriften. Man nennt das mit Hannah Arendt die Banalität des Bösen: Adolf Eichmann hatte persönlich ja auch nichts gegen Juden, aber mußte doch dafür sorgen, daß die Züge nach Auschitz und Treblinka fahrplangemäß verkehrten. Womit ich keine Gleichsetzung von Göttinger Sozialspitzeln und Nazis gezogen haben möchte – obwohl… warum eigentlich nicht? So mentalitätsmäßig?

 Gewährsmann Nietzsche, ein Mann mit heißem Herzen und verdammt kühlen Kopf, empfiehlt, mal die moralische Zentralperspektive außer Kraft zu setzen und die Sache nüchtern zu betrachten:

 Wenn der Reiche dem Armen ein Besitzthum nimmt (zum Beispiel ein Fürst dem Plebejer die Geliebte), so entsteht in dem Armen ein Irrthum; er meint, Jener müsse ganz verrucht sein, um ihm das Wenige, was er habe, zu nehmen. Aber jener empfindet den werth eines einzelnen Besitzthumes gar nicht so tief, weil er gewöhnt ist, viele zu haben: so kann er sich nicht in die Seele des Armen versetzen und thut lange nicht so sehr Unrecht, als dieser glaubt. Das Unrecht des Mächtigen, welches am meisten in der Geschichte empört, ist lange nicht so gross, wie esscheint. Schon die angeerbte Empfindung, ein höheres Wesen mit höheren Ansprüchen zu sein, macht ziemlich kalt und läßt das Gewissen ruhig… – während man unwillkürlich voraussetzt, dass Thäter und Leidender gleich denken und empfinden, und gemäss dieser Voraussetzung die Schuld des Einen am Schmerz des Anderen misst.“ („Menschliches, Allzumenschliches“, 1878)

 Das ist eine unbequeme Wahrheit – aber wo steht geschrieben, daß Wahrheiten uns immer schmecken müssen?

 

 

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4 Kommentare - “Sie können nicht anders!”

  1. Conakry Says:

    Das mit dem „Sozialneid“ ist die eine Sache. Es ist m. E. aber schon bitter nötig darüber nachzudenken, wie verhindert werden kann, dass die Kluft zw. den „Reichen“ und den „Armen“ immer weiter auseinander geht. Wenn die Mittelschicht in einer Gesellschaft sich zunehmend verkleinert, während die untere Schicht sich entsprechend vergrößert, die Anzahl der zur Oberschicht gehörenden Menschen konstant bleibt, das Vermögen – und damit die Macht und der Einfluss – jedoch weiter zu nehmen, dann bringt das schon erheblichen Sprengstoff mit sich (siehe Frankreich z.B.) Über die Besteuerung von großen, wirklich großen Einkommen, wird viel zu wenig nachgedacht – notabene nachgedacht, nicht polemisiert.

  2. joulupukki Says:

    Nja – so ganz geh ich da mit Nietzsche nicht konform. Möchte den „Fürsten“ sehen, wenn der „Plebejer“ ihm die Geliebte nimmt. Da wird aus dem „empfindet den werth eines einzelnen Besitzthumes gar nicht so tief“ wohl eher ein empörter Schrei nach Rache, nicht nur als ungerecht wie der Plebejer wird er es empfinden, sondern schier als Blasphemie, nicht? Also einigen wir uns vielleicht lieber drauf, dass es der werth des FREMDEN Besitzthumes ist, den er garnicht so tief empfindet. Beim eigenen wird er dann gerne knausriger, als der größte plebejische Pfennigfuchser es übers Herz brächte. Allzumenschlich auch das. Leider. Und natürlich im selben verallgemeinernden Jargon gesehen, wie Friedrich vorgibt.

    • 6kraska6 Says:

      a) Ich versteh, was Du meinst, bzgl. Nietzsche. Aber an Umkehrung hat er wohl nicht gedacht. Ihm ging es darum zu zeigen, daß Leute wie der Herr Fritzl oder die Bankmanager nichts Monströses, Außermenschliches darstellen, sondern nur andere Maßstäbe besitzen.

      b) Mitläufer und Gelegenheitsnazis gabs auch in unserer Familie.

      c) Ja genau, es handelt sich um die weltberühmte Rockgruppe „World Health Organisation“ mit ihrem Hit „Fuck the pope, my generation!“

  3. Norbert Jäger Says:

    @Cona
    Pauperisierung nennt man dieses wohlbekannte und geförderte Phänomen. Mit einer netten Prekarisierung wird sie eingeläutet.

    alles alte Hüte und trotzdem hoch aktuell


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