Arnold Winterseels Jour Fixe: Der Papst beim Striptease….


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Traum der Philosophen: Einmal auf Miss Cuties Pyjama-Party eingeladen sein...

…ODER DIE PSYCHOPATHOLOGIE DES VERLESERS

Auf dem Weg, in der U-Bahn, bekam Freund Fredy mal wieder seinen Missionarischen:  Mit vor Eifer erblühenden Wangen teufelte er auf mich mit seinen Lieblingsthesen ein: Nämlich, Autismus sei gar keine Behinderung, sondern ein ebenso anmutiger wie umweltschonender Weg, sich die Zumutungen der Welt vom Halse zu halten und stattdessen sich konzentriert und selbstvergessen der Perzeption und Pflege innerer und äußerer Ordnungen von komplexer, ja unsagbarer Schönheit zu widmen! – Ich blieb aber gelassen. Glasperlenspielsüchtigen wie Fredy Asperger sollte man in diesen Dingen nicht widersprechen. Bei meinem letzten diesbezüglichen Versuch hatte er mir mit vor Konzentration völlig verklärtem Blick und beunruhigend methodisch sämtliche Knöpfe vom Jackett gedreht! – Bin ich mit Fredy unterwegs, trage ich innerlich immer meinen Button mit der Aufschrift: „Freundschaft heißt, das Fremdartige zu akzeptieren, bis es einem aus Gewohnheit lieb wird“.

Die Runde in Arnold Winterseels verqualmten Salon präsentierte sich uns beim Eintritt in schon vorgerückt entspannter Stimmung. Es fehlten diesmal freilich die Aquavitzwillinge, die sich entschuldigen ließen, weil sie, so hatten sie trotzig kundgetan, ihren Junggesellenabschied zu feiern gedachten und deshalb nur eine Grußadresse, einen Topf Fischerbowle und eine Langspielplatte mit Shanti-Songs hatten abgeben lassen. (Trotzig insofern, als weder Hinrich noch Hauke überhaupt über eine Braut verfügten, eine Hochzeit bei keinem der Zwillinge absehbar bevorstand und überdies beide, wie wir sehr wohl wußten, im Alter von jeweilen 34 Jahren noch bei ihrer alleinerziehenden Mutter wohnten. Wir Liberalen tolerieren dies natürlich schmunzelnd.) 

Man war, so stellte sich heraus, bei einem Becherchen Bowle in eine Debatte über die psychoanalytischen Hintergründe von sog. Verlesern verstrickt. Oma Hager hatte leichtsinnigerweise erzählt, sie habe kürzlich einmal statt „Brieffreundin“ das Wort  „Bierfreundin“ gelesen, bestritt dann aber hartleibig, daß dies einen verdrängten Wunsch von ihr offenbare, da sie als Feministin der allerersten Stunde Bier als notorisches Getränk des Patriarchats generell verschmähe; auch einer „frivolen Freundin“, Bier hin oder her, bedürfe sie nicht, da sie, ihrer Erinnerung und ihres damaligen Kenntnisstandes („Wir wußten ja nichts!“) nach, in ihrer aktiven Zeit, bis tief in die 50er Jahre hinein, eindeutig heterosexuell gewesen sei. Magister Blankenvers quitttierte es mit einem unverhohlen diabolischen, ja fast dionysischen Grienen, daß Oma Hager das Wort immer auf der zweiten Silbe betonte („hetérosexuell“), was ihm (dem Wort, nicht Blankenvers) eine gewisse hetären-ähnliche Verruchtheit verlieh.

Sven-Aaron Mangold, unser Einserjurist, aufgrund eines unverhofft gewonnenen Falles schon seit Stunden mit gelockerter Krawatte, steuerte einen weiteren, persönlich erlebten Kasus bei: So habe er in der Zeitung, diese flüchtig durchblätternd, die Headline „Papst erfand Striptease“ gelesen und sich unwillkürlich und zwanghaft, in Sekundenbruchteilen, das Kirchenoberhaupt als Table Dancer in kardinalsroten Strapsen vorstellen müssen; es habe aber dort, bei nochmaliger Lektüre, letztlich doch „Paris“ statt „Papst“ gestanden. Psychonalytisches Nachbohren beantwortete auch Mangold mit striktem Widerstand: Keinesfalls hege er insgeheim die homoerotische Begierde, beim Heiligen Vater (ca. 94) „den Ministranten spielen“ zu wollen! Er weise dieses „in aller Schärfe“, wie er nicht ohne Humor betonte, zurück. – Ich ließ mich dann nicht lumpen, und steuerte meinen eigenen neuesten Verleser bei. Ich hatte kürzlich auf meinem Blog einen Typus porträtiert, den ich den „Eindimensionalen“ nannte. Eine mir persönlich noch unbekannte, nichtsdestoweniger sehr liebe Wienerin schrieb mir daraufhin augenzwinkernd, immerhin aber sei dieser Eindimensionale, dessen Urbild im realen Leben sie vielleicht ebenfalls kenne, „monotaskingfähig“. Da dieser Begriff bis dato weder meinen aktiven, noch meinen passiven Wortschatz bereicherte, las ich stattdessen geläufiger „montagskinofähig“ und versank unmittelbar in jene hypnotische Trance, die Verleser bei mir verursachen können, während ich mir den in Frage stehenden Mann als jemanden vorzustellen versuchte, der nicht nur seine Schuhe allein zuzubinden, sondern evtl. auch des Montags imstande wäre, an der Kinokasse ein verbilligstes Eintrittsbillett für einen ab 6 Jahren freigegebenen Animationsfilm zu erstehen. 

Es war die hinreißende Miss Cutie, die mir noch vor etwaigen Nachfragen beisprang und erklärte, darin könne sie nun „beim besten Willen keinen freudianischen Schweinkram“ erkennen. Ich dankte ihr mit einem knapp angedeuteten Luftküßchen, worauf sie sich mit einem derart himmelblond-schüchternen kleinen Lächeln revanchierte, daß ich es später mit nach Hause nahm und in eine Vase stellte. Ironischerweise war es aber ausgerechnet unsere modisch immer topaktuelle und auf Stylishkeit bedachte Beauty-Queen, deren Verleser dann doch noch eine wenigstens annähernd sexualpsychologische Deutung nahelegte. Sie habe, bekannte Miss Cutie mit einem entzückenden leichten Erröten, kürzlich einen Illustrierten-Report über Schönheits-OPs studiert, worin eine Botox-Heroine als „Stilikone“ apostrophiert worden sei, sie aber, – wohl weil die Lektüre im Wartezimmer ihres Gynäkologen erfolgte, in einer gewissen inneren Flüchtigkeit stattdessen „Silikone“ gelesen habe. Bei diesem Bekenntnis senkte sie keusch den Blick – sodaß wir, sie eingeschlossen, ausnahmslos alle für eine erlesene Sekunde lang meditierend den Blick an ihrer Oberweite verweilen ließen. Dies war ein extraordinär besinnlicher Moment, – als flöge der sprichwörtliche Engel durchs Zimmer!

Es war aber Dr. Winterseel, unser verehrter Traurigkeitslehrer, der unbemerkt durch die Tapetentür getreten war. Leger in das Vorlesesitzmöbel gegossen hielt der Mann im schwarzen Samt-Sakko uns einen Vortrag darüber, wie der Kirchenvater Augustinus einst (in „De Civitate Dei“) die unwillkürliche, willentlich nicht zu beeinflussende Spontan-Erektion des männlichen Geschlechtsgliedes als Bild- und Gleichnis für Adams Aufstand gegen Gottes Willen interpretiert habe. Leider konnte ich mich auf die hermeneutisch-theologischen Weiterungen des Gleichnissses nicht mehr konzentrieren (muß Fredy fragen!), weil ich von Miss Cuties träumerisch verschleierten veilchenfarbenen Augen gefesselt war. Es muß aber Winterseels Vorlesung immerhin zu einer gewissen Beschwingtheit Anlaß gegeben haben, weil Oma Hager, nach mehreren „Chartreuse grün“ einigermaßen entfesselt, noch im Treppenhaus aufgekratzt gekräht haben soll: „Nieder mit dem Phallus! Nieder mit dem gottlosen Rebellen-Schurken! Nieder! Willst du wohl…! Nieder mit dir, sag ich…!“

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Ein Wiener, seinen Phallus niederstarrend (Monotasking)

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12 Kommentare - “Arnold Winterseels Jour Fixe: Der Papst beim Striptease….”

  1. hyke Says:

    Mir passiert so etwas beim Schreiben. In der Schule verärgerte ich meinen Lehrer mal aufs Äußerste er war begeisterter Skifahrer in dem ich in einer Bioklausur schrieb: Der AlPinismus ist eine unheilbare Krankheit und führt oft zu unterentwickelten Hoden und zur Blindheit.

  2. hyke Says:

    Das I ist ein L Albinismus-Alpinismus
    und Klammern funktionieren in den Kommentaren leider auch nicht.

  3. joulupukki Says:

    Oh, ich bin entzückt! Montagskinofähig macht sich aber sicher auch ganz formidabel auf der Skill-Liste meines Arbeitsmarktbetreuers.

    Mein bösester Verhörer geschah ja in einer Konzeptbesprechung zur technischen Umsetzung eines Sparzielrechners. Verstanden hab ich nämlich „Spatznrechner“. Und vollends erschüttert war ich dann durch die Erkenntnis, dass noch lange bevor mir Gewahr wurde, dass ich mich verhört haben musste, mein Kleinhirn erstmal ausführlich nach einer Lösungsmöglichkeit für die Problematik der unterschiedlichen Bildschirm-Auflösungen suchte (mein inneres Auge hatte dabei den User X vor Auge, der seinen ‚Spatzn‘ zwecks Bemessung vor den Monitor hält…). Also nicht, dass das Ganze jetzt lange gedauert hätte und derGroßenGöttinSeiDank hab ich meinen inneren Monolog dabei nicht laut gehalten, aber es reichte, um mich bei dem Wort Sparzielrechner fortan akut erröten zu lassen…

  4. botschaftneukoelln Says:

    Miss Cuties «Silikon» habe ich mir mal intra-cardinal geben lassen. Hätte aber bei der beschriebenen session nicht viel gebracht, weil die Nebenwirkungen von Tapetentüren noch nicht erforscht sind. Diese Nebenwirkungen mögen wohl «Gottes Wille» sein, aber ich bevorzuge doch «irgendwie» die Hauptwirkungen…

  5. Norbert Jäger Says:

    Einen Gruß an Kraska, den unerreichten Virtuosen des Berichts über Phallokraten im Chartreuserausch.

    RU

    • 6kraska6 Says:

      @norbert: Ich danke herzlich für den Applaus! Gruß nach Thüringen, das vermutlich sehr schöne Land da, etwas weiter rechts von äh, Hessen?

    • 6kraska6 Says:

      Grüß Dich, Norbert,
      ich war bei dieser Kampagne, als sie in London begann, zunächst skeptisch abwartend. Inzwischen unterstütze ich das, weil sich die islamischen und katholischen Obskurantisten immer lauter und frecher in den Vordergrund drängen und diese Eingeitsfront jetzt schon so etwas wie ein „weltweites Blasphemie-Verbot“ durchsetzen will; da kann etwas offensive Gegenpropaganda nicht schaden, oder? Meine Lieblingslosung derzeit: „Science flies you to the moon. Religion flies you into buildings“…

  6. Norbert Jäger Says:

    Jepp, ganz meiner Meinung. Als alter Atheist traut man sich ja schon kaum noch, sich im establishment zu outen.

    Langsam geht es mir massiv auf die Nerven, wenn ich mich als Ungläubiger verteidigen muss. Dabei glaube ich ja an mich und vor allem meine Tochter. grollll

    Ein guter Freund hatte sich auf einen Chefarztposten in einem katholischen Krankenhaus im Münsterland beworden. Nachdem er die Frage nach seiner Konfession wahrheitsgemäß mit einem „Minus“ beantwortet hat, fiel er schon durch.

    Seine Bemerkung darauf hin, ob das KKH einen Pfarrer oder Arzt sucht, wurde er ernsthaft mit dem Wort Blasphemie abgeschmettert. Schauderhaft.

    Egal, jetzt ist er wieder im Osten und ich habe einen ausgezeichneten Gastroenterologen an meiner Seite.

    Cheers 🙂

    P.S. Coole Losung, ist notiert

    Schönes Wochenende 4u

  7. Botschaft Says:

    Ref: «Science flies you to the moon. Religion flies you into buildings»

    http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,343943,00.html


  8. […] zu bitten. Aber anders als im Beicht-Stuhl ist hier der Gang zum Stuhl weder heilig noch römisch: Confessiones werden hoch öffentlich und online angeboten, wahrgenommen und sind […]


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