Verbotene Wörter?


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Friedrich Nietzsche 1844-1900

ÜBER POLITICAL CORRECTNESS IN DER SPRACHE

In der Literatur gibt es keine „verbotenen Wörter“. Wörter entspringen gesellschaftlichen Konventionen. Manches Mal sind diese Konventionen historisch überholt, besiegt und durch ihre Niederlage verächtlich gemacht, aber das macht sie nicht zu „bösen“ Wörtern. Ein Autor, der sie spielerisch zitiert, zitiert Konventionen, Perspektiven, vielleicht Vorurteile, aber zitiert sie, d. h. er wird dafür so wenig verantwortlich zu machen sein wie wir Othello von der Bühne weg verhaften lassen, nur weil er gerade Desdemona erwürgt hat. Eine Verwechslung von Gebrauch und Zitat, von Tat und Darstellung einer Tat nennen wir naiv. – Weil es wohl Nietzsche war, der unser postmodernes, ironisches, ästhetisch-spielerisches Zeitalter eingeläutet hat, hier zu seinen Ehren ein Fundstück, wie immer funkelnd und klar wie ein Gebirgsbach: Sätze, die es verdienen, mehrmal gründlich gelesen zu werden.

Jenes ungeheure Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet, ist dem freigewordenen Intellekt nur ein Gerüst und ein Spielzeug für seine verwegensten Kunststücke: und wenn er es zerschlägt, durcheinanderwirft, ironisch wieder zusammensetzt, das Fremdeste paarend und das Nächste trennend, so offenbart er, dass er jene Notbehelfe der Bedürftigkeit nicht braucht, und dass er jetzt nicht von Begriffen sondern von Intuitionen geleitet wird. Von diesen Intuitionen aus führt kein regelmäßiger Weg in das Land der gespenstischen Schemata, der Abstraktionen: für sie ist das Wort nicht gemacht, der Mensch verstummt, wenn er sie sieht, oder redet in lauter verbotenen Metaphern und unerhörten Begriffsfügungen, um wenigstens durch das Zertrümmern und Verhöhnen der alten Begriffsschranken dem Eindrucke der mächtigen gegenwärtigen Intuition schöpferisch zu entsprechen.“ [KSA 1, 888f] 

Doch, so in etwa verhält sich das. Und die Sprache hält die Spieler, Ironiker, Verhöhner und Zertrümmerer nicht nur mühelos aus – sie braucht diese sogar, um sich über sich selber aufzuklären.

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2 Kommentare - “Verbotene Wörter?”

  1. connect Says:

    O.K. Lese den Satz mehrmals.Er passt sowenig zum 2.0.wie Schlusssatz von traurigen Tropen.Punkt.hdgdl


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