Kriminalpsychologie vom Kirchenvater


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Augustin und das Gelächter des Absurden

Risus erat quasi titillato corde.Kirchenvater Augustins (354-430) Geschichte vom Birnendiebstahl aus seinen „Confessiones“ gehört zu den vergifteten Anekdoten. Beinahe übersieht man den Abgrund, der in dieser scheinbar belanglosen autobiographischen Genre-Miniatur verborgen liegt. Er selbst inszeniert sie als gedehntes psychoanalytisches Zerknirschungsdrama, dessen gravitätischer Ernst – man fragt sich die ganze Zeit: ist das nun blanke früh-klerikale Heuchelei oder bloß ungezügelter Spaß an exzessiver Rhetorik? – den Rand unfreiwilliger Satire streift. 

Mein Gott, ein paar harte, saure Birnen hat er geklaut, gemeinsam mit seiner Gang, Schweinefutter aus Nachbars Garten, ohne Not, nichts als ein Jux gelangweilter Halbstarker! Daß aus dem bedeutungslosen Mundraub die Fratze der Erbsünde grinsen soll – so recht möchte man es ihm nicht abkaufen. Aber die kriminalpsychologische Tiefenanalyse stößt auf einen Grund oder Abgrund: Augustinus, der ein rationales Motiv für das Bagatelldelikt nicht finden kann, entdeckt in dessen Kern – ein Gelächter. Ein Lachen war da, „risus erat quasi titillato corde“, »wie aus gekitzeltem Herzen«, nicht triumphierend, nicht befreiend, sondern beklemmend, unheimlich, böse. 

Uns fällt die Identifizierung nicht schwer: Es handelt sich um das Gelächter des Absurden. Einen Moment lang scheint durch einen minimalen Riß im Panzer christlicher Selbstknechtung das kalte, klare Licht der Freiheit, des real existierenden Nichts. Da ist niemand! Der Himmel ist leer. Niemand wird ihm, dem wohlerzogenen Nachbarsjungen, die Tat zutrauen, niemand  ein Motiv unterstellen, niemand wird ihn zur Verantwortung ziehen. Er ist volkommen allein mit diesem Kitzel des Bösen und dem Bewußtsein einer ungeheuren Freiheit: Du kannst tun, was du willst, besagt das Lachen, und schlimmer noch: du mußt tun, was du willst! Für einen schrecklichen Augenblick – den Schrecken wird er in seinem Leben nie wieder los – tut sich der Boden auf zum freien Fall ins Nichts: Nichts ist von Bedeutung, niemand sieht nach dir – auf dem was du tust, liegt nicht das geringste Gewicht!

Augustin flüchtete vor dem Kontingenz-Schock fürs erste in die Sekte der Manichäer. Lieber ein böser Gott als gar keine Verantwortung. Aber der Widerhall des kleinen, kalten, bösen Lachkitzels bleibt: Risus erat… Ein Lachen war da, und nach Jahrzehnten graut noch dem Bischof davor und muß er sein Herz mit dicken Schichten von Rhetorik umhüllen, damit es nicht noch einmal gekitzelt wird. Schon seine Erklärung für das Lachen wirkt merkwürdig oberflächlich und halbherzig. Aber immerhin, er hat es verewigt: Risus erat quasi titillato corde. Es hat nie aufgehört, das Herz zu kitzeln und den Kopf schwindeln zu machen.

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11 Kommentare - “Kriminalpsychologie vom Kirchenvater”

  1. Botschaft Says:

    … sich äußern in Miene, Wort
    und tausend freundlichen Gesten,
    und mit ZÜNDPILLEN den Geist
    in Gemeinsamkeit entflammen,
    so dass aus Vielheit Einheit wird.

    AUGUSTINUS
    CONFESSIONES 4,8,13

  2. connect Says:

    sehr interessant, aber diese neuen Worte immer „Kontingenz“, da assoziiere ich sofort Inkontinenz und dann kommt hä ? und dann muss ich nachschlagen … und was sind bitte Zündpillen ?

    • 6kraska6 Says:

      In der Philosophe bedeutet „Kontingenz“: Zufälligkeit, Beliebigkeit, Sinnlosigkeit.
      Die beste Formulierung des Kontingenz-Schocks stammt von unserem westfälischen Dichter, Trinker und verzweifelten Schauspieler C. D. Grabbe: „Einmal im Leben auf der Welt – – und dann als Drogist in Detmold!“
      Kontingenz-Schock ist das schlafartig auftretende Bewußtsein Deiner totalen Beliebigkeit: Nach Dir kräht kein Hahn, für Dich ist nichts vorgesehen, Du hast keine Bestimmung, Du bekommst weder Strafe noch Belohnung….

      Was „Zündpillen“ sind, frag einen ausgebildeten Sprengmeister. Ich bin dies trotz langjähriger Untergrundtätigkeit nicht!

  3. connect Says:

    Mit den Zündpillen soll doch der Geist entflammt werden, also eher sowas wie ecstacy ? Da frag du mal den Drogisten aus Detmold !

  4. Teresa Says:

    Würde jetzt gerne was sagen… So als Lateiner…
    Augustinus war ja ein rechter Wilder in seiner Jugend.
    Heute würde man sagen, er hatte ADHS, was sich auch durch überdurchschnittlichen Wein- und Frauengenuß nicht besserte. (Wieso auch). Seine Mutter hatte es schwer mit dem Bengel. Wie kommt es, frage ich mich, dass ausgerechnet die Birnen so eine Rolle in seinem Werk spielen? Ein paar geklaute Birnen aus Nachbars Garten, man kann hier doch nicht mal von „Sünde“ oder „Diebstahl“ sprechen… Wieso also die Birnen? Was steckt dahinter? Will er uns damit etwas anderes sagen?
    Und wieso kennt 6Kraska6 ihn so gut?

  5. connect Says:

    Also ich habe irgendwann einen Tatort gesehen, da ging es um ein Kloster, eine jährlich gemeuchelte jungfräuliche Klosterschülerin, die in der Birnbaumplantage vom unehelichen Sohn der Exklosterfrau verbuddelt wurde, nachdem er sie vorher duch Aushungern gereinigt hatte und der dann aus den Birnen besten und berühmtesten Schnaps brannte.

  6. botschaftneukoelln Says:

    @connect: Also, da meine Erklärungsversuche via links nicht angenommen werden:

    Eine ZÜNDPILLE ist ein «Anzünder» für pyrotechnische Effekte, der mit einer relativ geringen Ω und Ampere Zahl (Ω nicht zu verwechseln mit OM) auf elektrische Weise den versagerfreien Zündimpuls für Spezialeffekte bei Film und Theater liefern.


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