Charaktere … die es auch gibt


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Kraska mit peinlicher Verwandtschaft

Heute: Der Fremdschämer

Warum nur? Warum treibt es einem die Schamröte ins Gesicht, wenn ein anderer, möglicherweise sogar gänzlich  fremder, aber erkennbar unseliger Zeitgenosse Unsägliches, Unerträgliches oder gar vollrohr Brunzdoofes von sich gibt, zeigt oder tut? Warum ruft es das deutlich unbehagliche Gefühl dringlicher Peinlichkeit hervor, wenn wir, sagen wir jetzt mal: Thomas Gottschalk, Elke Heidenreich, Guido Westerwelle oder einer minder prominenten Nervgranate ansichtig werden? Des Fremdschämers Schamschwelle läßt sich leicht überschreiten: Moppel Merkels Monster-Dekolletée neulich, das altersgreise Papst-Wort, dementer Politikerquatsch, ein knallblöder Deppenapostroph, ein beknacktes Werbefritzen-Wortspiel („Weniger ist leer“), hochfahrende Kellnerinnen-Scheucher am Restaurant-Nebentisch, Deutsche mit Sandalen und weißen Socken im Ausland, debile ‚Deutschland sucht das Suppenhuhn‘-Juroren: Dem Fremdschämer verursacht das alles Pein. Errötend senkt er den Blick und steigert die Weltschamproduktion. 

Bei schweren Fällen kann der Fremdschämer schon mal aufschäumen – dann packt ihn der Hlg. Zorn Gottes (Altes Testament), und er würde herzensgerne mal rundum dreinschlagen, gründlich niedermähen oder eine komplette Sintflut schicken. In der Regel nimmt der Fremdschämer aber von Gewaltsamerem als der geballten Faust in der Tasche Abstand, denn er leidet an Sensibilitätshypertrophie. Meist hatte er schon als Kind eine Hundenase und Fledermausohren und ging Leuten aus dem weg, für die Robert Walser den Ausdruck „pomadisierte Gorrillas“ prägte.

Im Kern erwächst die Neigung zur Fremdscham übrigens nicht aus Misanthropie, sondern aus Eigenscham. Das ganze Herumlärmen, Platz-weg-Nehmen, Müll-Hinterlassen, Schlechtriechen, Schwitzen, die Pickel, das die Mitwelt-Nerven, Herumkrakeelen und Aufmerksamkeitsheischen oder Hilfebeanspruchen, das mit dem Menschsein als solchem verbunden ist, findet er peinlich genug schon an sich selber! Dafür hat er keine Fremden nötig! Der Mensch selbst ist das peinlichste Lebewesen nach dem Nacktmull! Es gibt viel zu viele, sie hören schlechte Musik, bestellen matschige Pizza, wollen immer mehr haben und wundern sich dann über Wirtschaftskrisen! Ist das vielleicht Schönheit? Anmut? Kosmische Zierlichkeit? Das ist doch Gottes Ebenbild nicht! Das lungert herum, kaut Drogen und trägt unelegante Klammotten, weiße Stiefel zum Beispiel, lila Strähnchen, goldene Handtäschchen und Acrylfingernägel! Das da nennt seinen Proll-Gören Finn-Luca und die kleine Prollette Claire-Jennifer-Chantal, das blöde Pack! Ist das nicht ekelhaft? Beschämend ist das! – So empfindelt der Fremdschämer. Er kann nicht anders, sowie einem leidtun.

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4 Kommentare - “Charaktere … die es auch gibt”

  1. Botschaft Says:

    Ist mir gar nicht «fremd».


  2. […] am 25. Juli 1925 in der Weltbühne) einen Grabsteinspruch, für den Italiener vor: «HIER RUHT MARINETTI. ER HAT EIN GROSSES FUTURUM HINTER SICH.» Gedenktafel am Casa […]

  3. blauesdohnal Says:

    Hach, da bin ich aber spät dran.
    Zufälle jedoch gibt’s, und dies ist der Solchen einer:
    Heute bei Lichtenberg, den vielwunderschöneren Begriff des „Mitschämens“ entdeckt. Später dann diesen Blog und etselben Eintrag. Widerstehen war da nicht.

    • 6kraska6 Says:

      Ich kene Leute, die in solchen Situationen mit ssehr hochgezogenen Brauen bedeutsam sagen: Es GIBT keine Zufälle!

      Ein Gruß unter Lichtenberg-Fans! K.


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