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Morns um Pfümpf (Zähneknirschen)

2. Dezember 2011

Bei Kilometer 8,5: Die Schmerzen kommen erst noch!

Verdammt, abends die Tabletten vergessen und zur Strafe morgens um 5.00 Uhr aufgestanden. Menno, greinte ich selbstmitleidig, um diese klamme Unzeit schläft ja selbst Frau Dr. Angela Merkel noch! Oder schlüpft höchstens gerade erst aus ihrem mit honigblauen Bärchen bedruckten Edelflanell-Pyjama, der in der kurzen Nacht kaum Zeit gehabt hatte, schlaftypisch seine sorgfältige Gebügeltheit zu verknittern, um sich, während man ihr die Haare macht und die verquollenen Äuglein pudert, von ihrer Assistentin das Redemanuskript reichen zu lassen, weil sie das „noch mal durchgehen“ will. Frau Merkel soll nämlich um neun eine Regierungserklärung verlesen und muss noch an dieser Metapher mit dem Marathon-Lauf feilen. Vor dem Frühstück!

Marathonläufer, wird sie später sagen, hätten ihr erzählt, ab Kilometer 35 würde es erst richtig, richtig schmerzhaft. Das sollte in Bezug auf die Euro-Krise wohl bedeuten, das schlimmste käme erst noch. Dazu deutete sie mimisch ganz kurz eine gewisse innere Finanzschmerzverzerrung an, um dann aber sogleich wieder ungemein mecklenburgisch-patent, tapfer und zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Als Bundeskanzlerin braucht sie ja Contenance-Kompetenz und kann jetzt nicht einfach so losheulen! Außerdem muss sie gleich schon wieder weg, nach Frankreich trampen jetten, um den großen Pinocchio zu treffen, da will man ja gut aussehen. Im Bus Flieger wird sie noch mal mit ihrer Gesichtstrainerin diese liebreizende Miene aus errötender Mädchenhaftigkeit und mütterlichem Beruhigungstrostdusel üben, die sie immer aufsetzt, wenn sie den kleinen Frosch Prinzen in Paris küsst. In der Stadt der Liebe! Das kommt nämlich gnadenlos im Fernsehen.

* * *

Ich selber kann morgens um fünf Uhr praktisch noch überhaupt gar nichts. Zitternd vor Desorientiertheit sitz ich am Schreibtisch und spüre, wie mir brachial die Bartstoppeln durch die Gesichtshaut brechen. Derart hypersensibilisiert studiere ich die Frühnachrichten, in denen es u. a. hieß, 10% aller Deutschen knirschten mit den Zähnen. Dazu haben sie auch allen Grund, denke ich, finde aber zugleich die Vorstellung grauenerregend, wie es sich anhört, wenn acht Millionen Menschen unisono mit den Zähnen knirschen. Man könnte das mal aufnehmen und mit so einem dumpfen, schleppenden TripHop-Beat unterlegen und vielleicht noch additiv dazu einsampeln, wie 25 Millionen Deutsche morgens verzweifelt gähnen, weil schon wieder so ein Tag ist. – Das Grauen! So etwas würde Frau Merkel sicher nicht hören mögen, sie hat sich wahrscheinlich eine schöne Entspannungs-CD eingelegt, für Flöte, Harmonium und Meeresrauschen, damit sie nach 35 Kilometern noch Puste hat. Mit Schnappatmung kann man keine Währung retten!

* * *

Vorgestern hab ich mit der Gattin einen Fernsehfilm angeschaut, worin Götz George einen pensionierten, mählich dahinsterbenden Staatsanwalt spielt, der einen alten Fall aufklären will, bevor er krebshalber wegmuss, und schon bald wird klar, er ist selbst der von ihm gesuchte Mörder, ermittelt also wie Kleists Dorfrichter Adam gewissermaßen in Eigenbedarf. Wozu er aber denn da, frage ich die Gattin aufklärungsheischend, weil sie von Filmen mehr versteht als ich, erst anderthalb lange Stunden hustend durchs fahl-dunstige Brandenburg stochern musste – er hätte doch genauso gut gleich zur Polizei gehen und sagen können, ich wars. Also er jetzt. Dann wäre der Film in Nullkommanichts zu bewältigen gewesen und dieses ganze entsetzliche Brandenburg wäre uns erspart geblieben. Als ich mit der dummen Fragerei nicht aufhören wollte, breitete die Gattin schließlich genervt die Arme aus und tremolierte pathetisch: „Mensch – er tahaat es für uns!“ – Man würdigt das zuweilen vielleicht nicht genug?

* * *

Fremde Berufswelten wie die von Angela Merkel finde ich im Prinzip schon phantasieanregend. Weil ich mich morgens leicht verlese, stolperte ich über einen Roman-Satz, der besagte: „Vor der Klinik saßen die Krankenhausbesitzer und rauchten.“ Diesen Satz würde ich gerne verfilmen: Wie so feiste, in gestärkte weiße Anzüge gehüllte Hospitaliers vor ihrer Bude sitzen, Zigarren schmauchen und ihre blutigen Hände reibend auf Patienten lauern! (Es hieß aber bloß Besucher, nicht Besitzer.) Die Gattin indes, Meisterin des kreativen Versprechers, meldete noch, die Familie der Wasserableser sei unterwegs. Bevor sie sich noch in „Firma“ korrigieren konnte, erträumte ich mir bereits einen vage zigeunerhaften und dubiosen Clan, der seit Generationen die exklusive und irgendwie klandestine  Kunst des Wasserablesens hütete, deren Geheimnis aber bei Todesstrafe nicht ausplaudern dürfe. Manchmal, denke ich, sollte man sich sprachlich etwas mehr gehen lassen, um Neuland zu entdecken.

Über Samuel Beckett

26. Mai 2010

Samuel Beckett 1906-1989 (Foto: Jane Brown)

Bestseller waren Becketts Romane gerade nicht, sind es auch zu keiner Zeit geworden. Es sind Romane, wie das Jahrhundert sie verdient. Beim breiteren Publikum eilt ihnen der Ruf voraus, schwierig, langweilig, sogar unlesbar zu sein. Ein Vorurteil, das sich bei der heutigen Lektüre nicht unbedingt bestätigt. Becketts Romane sind voll von abgründigem, rabenschwarzem Humor, sie entfalten eine ganz eigentümliche, bizarre Poesie und der illusionslose Sarkasmus des Autors erlaubt diese ungerührten, hellsichtigen und zwingenden Einblicke in das Groteske, Heillose und Verstörende der menschlichen Existenz, wie sie zuvor nur Dostojewski und Kafka zustande gebracht haben. Beckett ist im Grunde ein großer Realist: seine Helden, Lebensversehrte und Halbkrüppel, sind allesamt so gut wie tot, stammeln eine Menge albernes sinnloses Zeug und begehen kraftlose, konfuse Handlungen, die zu nichts führen – sind sie also nicht wie du und ich? Der Blick auf die condition humaine ist nüchtern und unverstellt, aber immer hochkomisch. »Nichts ist komischer als das Unglück«. Man kann die Welt anders ansehen als Beckett – aber sicher nicht ehrlicher und illusionsloser.

Das Personal des Becketschen Prosawerks besteht aus Virtuosen des Unglücks, seltsam eigensinnigen, gleichmütigen Vergeblichkeitsartisten und Sinnverweigerern, verkrüppelt, von Schmerzen geplagt – Randgänger und komische Heilige, um ihr Ziel gebrachte Sucher und seit Ewigkeiten Wartende. Becketts frühe Romane sind Meisterwerke artistischen Sprachwitzes, abgründige Grotesken von einem Humor, so schwarz – um eine Lieblingssprachfigur von Beckett zu benutzen –, so schwarz also, daß schwarz schon nicht mehr das richtige Wort ist…

JETZT NEU IM “denkfixer“-BLOG (http://reinhardhaneld.wordpress.com):

Ein Vortrags-Text, der die Prosa-Werke Samuel Becketts vorstellt und erläutert – als PDF-Datei zum kostenlosen Downloaden!

Barock im Baumarkt: Die Nacht der leitenden Reichen

4. Februar 2010

...raffgierig-schlaraffische Gier nach Weiberfleisch (Peter Paul Rubens, Fleischereifachgemälde-Herstellung en gros)

OH FREUDE, TOCHTER DES DELIRIUMS

Etymologische Ironie: Das Wort „Banause“ kommt, – ich hoffe, manchen LeserInnen damit noch etwas Neues zu erzählen – , vom altgriechischen Wort bánausos, was ausgerechnet soviel hieß wie „Handwerker“. Die Zeitgenossen von Platon und Sokrates hegten nämlich noch eine schnippische Verachtung für Leute, die mit eigenen Händen arbeiteten, erst recht, wenn sie’s um des Geldes willen taten.

Insofern bin ich eine wandelnde Paradoxie, nämlich bekanntlich sowohl Hausbau- als auch Bauhausbanause. Eher homo laber als homo faber, komm ich mit Ingenieuren meist nicht gut zurecht. Mir fehlt das Daniel-Düsentriebhafte. Mir sind Dichtungen Hölderlins und Rilkes vertrauter als jene von Spüle und Waschmaschine, ich besitze weder das Deutsche Dübeldiplom, noch habe ich eine Lizenz zum Löten. Ich bin ein notorischer Pfuscher, bekennender Bastel-Larifari und ein insgesamt eher blind herumprobierendes Frickelmännchen, was bedeutet, die Sachen kommen zwar letztlich schon „irgendwie“ an die Wand, unter Putz oder ins Lot, aber keine Schraubverbindung, Flunschverflanschung oder Silikonikone ist korrekt genug angepasst, getackert und eingenordet, um den Eindruck auch nur elementarer Professionalität zu erwecken. Bei mir ist mehr als nur eine Schraube locker, die Tassen klappern im Schrank, und alles ist ein bißchen schief, wackelt oder hat zuviel Spiel. Wäre Heimwerkelei mein Steckenpferd, hätte mich dieses längst wutschnaubend abgeworfen.

Nicht obwohl, sondern weil das so ist, erinnert mich jeder Besuch in einem richtig-richtig großen, gut sortierten Baumarkt – wie es z. B. Bauhaus ist – an meine erste Besichtigung des Louvre.

Ich war ja erst altkluge, aber noch jungfräulich ungebildete Vierzehn. Mein Wissen über die abendländische Kunstgeschichte beschränkte sich vorerst auf das wiederholte Durchblättern des Bertelsmann-Sammelbandes „Hundert Meisterwerke der Malerei“, den ich mal zum Geburtstag bekommen hatte („der Junge malt doch so gern…!“). Dementsprechend stiefelte oder schlurfte ich, – auf Klassenfahrt in Paris der marodierenden Mitschüler-Meute mal kurz entlaufen –, eingeschüchtert, irritiert und verstohlen staunend, durch das endlose Labyrinth der Louvrepalast-Säle und ließ mich u. a. von extrem üppigen Rubens-Schinken hypnotisieren, deren spektakuläre Grässlichkeit mich in eine Art atemlose Schockstarre bewundernder Abscheu versetzte. Peter-Paul Rubens! Die flamboyant-opulente Korpulenz der barock-nackerten Damenwelt verursachte mir Albträume: Die Nacht der leitenden Reichen! Deren raffgierig-schlaraffische Gier nach Weiberfleisch per Auftragsschinken in Öl gebadet! Urrghs! Da stand ich vor ca. vier Quadratmetern fleischlichen Gewusels, Gewürges und Geschwurbels, vom Boden bis zur Stuckdecke reichendem barocken Öl-Geprotze, von dem ich damals naiverweise dachte: Das würde ich aber mir ungern über meine Jugendliege hängen! –

Der nur scheinbar banale Bauhaus-Baumarkt hingegen zeigt mir Banausen, wie es in meinem Kopf aussehen könnte, wäre ich ein ganz anderer, ein Haus-Mann zum Beispiel, ein Heim-Vati und Pfiffikus. Ordnung, Funktionalität und Zweckmäßigkeit heißen die Generäle, die hier die Parade ihrer rechtwinklig organisierten Truppen abnehmen: Schraubenschwadrone, Dübeldivisionen, Kabelkavallerie, Nagelsortimente, dazu gefechtsbereite Schlagbohrer, Hieb- und Stichsägen, Pionierbatallione multifunktionaler Patentwerkzeuge, solide konsolidierte Konsolenmodule („Modell Konsul“), patent-vorverklemmte Lüster-Klemmen, Klabastersäulen aus original Kunstimitat sowie selbstverständlich nicht-klumpende Kleisterkanonen, raffiniert verdrahtete Spiegelmuffen, fettfreie Lauflafetten und gewiß, die neuen, hochmodernen doppelt geflanschten Traversal-Transformatoren, gleich daneben Scharnier-Schabrackenschoner und vorgehobelte Trubeldoubletten, kindersichere Überbetten und linksdrehende Unterlegscheiben, alles auch aus Filz, Holz, Bast, Gips und Gummi, Paletten voller Matten, Rabatt-Platten und Furnierholz-Matratzen, dazu gegen fiese Energieschlamperei gefeite Energiesparlampen, ganze Batterien komplett vormontierter, blank transparenter Nasszellen-Trakte, eine Superauswahl an Ziertapezierfasermustern, jederzeit auch Kleintierbedarf und garantiegrüne Pflanzenbrunst, reparaturorientierte Proletenpolitur, videogesteuerte Klingelstreichwurst, erschwingliche Kunstabzugshauben, kombinierte Fühlschränke und HiTec-Inflationsherdplatten mit Leckerleiste…

– es nimmt einfach kein Ende, die Fluchten der Realienregale deregulieren mein Realitätsbewusstsein, mir schwinden die Sinne, im Rausch der Zwecke erfüllt mich Beethovens Ode „Freude, Tochter des Deliriums“, und ich sinke, ermattet, überwältigt und in Ehrfurcht ergriffen auf die gutmütig bereitliegende Auslegeware: Wäre ich doch nur ein Heimwerkberserker – ich befände mich im Nirwana, Walhalla, Paradies und Garten Edeka des Wirkens und Werkens!

Ich schwömme im permanent funktionalen Erledigungsorgasmus; gelegentlich käme der Herrgott im Blaumann vorbei, um mir gütig ein paar Tricks zu verraten, wie man eine hübsche Welt zusammenschustert, ohne sich länger als höchstens sechs Tage hineinzuknien. Konvertierte ich zu dem Glauben an die prinzipielle Konstruierbarkeit der Weltbeheimatung – der Bauhaus-Baumarkt wäre meine Bastel-Basilika, mein Tool-Tempel, meine Malocher-Moschee!

Schöner Sterben: Operntod mit Kuschelrock

30. Januar 2010

Gestern am späten Abend habe ich arte eingeschaltet. Gar nicht mal, um mich hochkulturellen Bedürfnissen hinzugeben, sondern weil ich eigentlich die dritte Staffel der von mir geschätzten Krimi-Serie „KDD“ sehen wollte, die man ins arte-Nachtprogramm verbannt hat, damit das nur Spezialisten gucken und die Quote hübsch niedrig bleibt. Man will die Serie nämlich wegen Intellligenzüberschuß einstellen. Egal – es lief aber jedenfalls noch eine Übertragung aus der Pariser Bastille-Oper, und weil Oper eine so schön bizarre Kunstform ist, blieb ich daran hängen. Es gab „Werther“ von Jules Massenet.

Man befand sich bereits im III. Akt, also, wie es im Sport heißt, „in der Schlussphase“. Titelheld Werther, von der Unerfüllbarkeit seines Liebesleidenschaftsbegehren, das schöne, aber vergebene Fräulein Charlotte betreffend, gründlich erbittert, hatte bereits die Selbstentleibung erwogen und sich zu diesem Zweck mit Pistolen totgeschossen. Der neue deutsche Star-Tenor Jonas Kaufmann brachte diesen beklagenswerten Zustand vollendeten Suizids nicht zuletzt durch die angemessene Blutüberströmtheit seines weißen Hemdes hervorragend zum Ausdruck! Auch die billigen Plätze hinten oben, und selbst wir Fernsehzugeschaltete im Ausland konnten uns von der irreversiblen Vergossenheit des Wertherschen Herzblutes zweifelsfrei überzeugen.

Doch anders als in Goethes Romanvorlage ist dieser Werther hier offenbar kein Sensibelius und Weichei, sondern ein harter Hund. Gescheitert, ungeliebt und totgeschossen läuft er erst zu richtiger Form auf, schüttelt die jungdunkelblonden, Frauen zum Schmachten bringenden Locken und es ist ihm – im Grunde gewissermaßen post mortem! – nach Singen zumute! Das ist erstmal nichts sooo Ungewöhnliches. In Opern wird beim Sterben meistens und gern noch ein wenig gesungen, allein oder mit anderen. Die edelmütige Nobel-Kurtisane Violetta Valéry (Diagnose Lungen-TBC im Endstadium) singt beim Hinscheiden, nachdem sie einen schweren Hustenanfall absolviert hat, im III. Akt von Verdis „La Traviata“ noch eine üppig herzbetörende Arie resp. ein finales Trio mit Alfredo und Vater Germont. Bon. – Bei Massenets „Werther“ wird’s aber selbst mir ein bißchen zu bunt: Der so gut wie schon lange tote Werther, man faßt es nicht und muß beinahe lachen irgendwann, singt und singt und singt, bis endlich, von der Sterbesingerei alarmiert, Charlotten hinzukommt, Werthern gesteht der Verstörten singend seine grenzenlose Hingegebenheit, das Fräulein beginnt daraufhin nachdenklichkeitshalber ebenfalls zu singen, es kommt, nach einigem motivischen Hin und Her, zum innig-sinnlichen Singe-Duett stimmlicher und sozusagen nachträglichtragischer Liebesverschmelzung, die hinwiederum singend und sterbend gefeiert wird, wobei das musikalische Liebessspiel nach Beendigung der Schlussphase, um mit dem Sport zu sprechen, nun aber doch schon deutlich in die Verlängerung geht.

Überschlägig dauert es bei Werther und seiner nun reumütig doch rückhaltlos zurückliebenden Lotte eine geschlagene Viertelstunde vom Todesschuß bis zur Einsicht, daß nun mit dem Gesang aber auch mal gut sein muß!

Jemand, der mein Interesse teilt, aber mehr Zeit hat, sollte mal ein Ranking entwickeln, meinetwegen fürs Fernsehen mit Jörg Pilawa oder Günter Jauch aufbereiten, in dem die bekanntesten Opern mal nach der jeweiligen schieren Länge ihrer vokalmusikalisch begleiteten Sterbeszenen geordnet werden. Gern erstünde ich dann einen Zusammenschnitt: Sterbeoper statt Kuschelrock. Soviel Morbidität muß sein, und man hat gleich den passenden Soundtrack parat für verschiedene ausgefallene Lebenssituationen.

Zum Beispiel könnte die Platte mit dem Sterbegesinge laufen, während man am Küchentisch vom Laptop seine E-mails liest, in deren einer man, wie ich kürzlich, aufgefordert wird, in Doktor Roger Kuschs Sterbeverein „SterbeHilfeDeutschland e.V.“einzutreten. Das soll 100,00 Euro im Jahr kosten oder, für Kurzentschlossene, „einmalig 1000,00 Euro bis zum Lebensende“, was dann, hihi, händereib, wahrscheinlich ja schon recht bald eintritt. Was man für dieses Geld genau bekommt, wird nicht recht deutlich, auch nicht auf der Homepage der Sterbe-Freunde&Helfer. Die Website www.kuschsterbehilfe.de (ich hatte erst „Kuschelbeihilfe“ gelesen!) wird auch nicht konkreter.

Feststeht, der Herr Dr. Roger Kusch, ehedem Justizsenator in Hamburg und nachmaliger semiprofessioneller Sterbehelfer, hat in der Öffentlichkeit einen Ruf, der, hm, sagen wir: verbesserungswürdig erscheint. Andererseits wird in den Medien natürlich gegen jeden gehetzt, der nicht der perfiden christlichen Ideologie vom Freitodverbot anhängt.

Bleibt vorerst festzustellen: Die Geschäfte des Herrn Kusch sind nach Verbraucherschutz-Kriterien schwer zu bewerten: Kunden, die damit positive, befriedigende Erfahrungen gemacht haben, werden naturgemäß aus eigenem Erleben keine Sternchen mehr vergeben können. Ohne dem Dr. Kuscheltod etwas Explizites anhängen zu wollen: Mir wäre es lieber, es müßte solche obskuren Vereine bzw. Geschäfte gar nicht geben. Ich persönlich lebte (und stürbe) am liebsten in einem freien, laizistischen Staat, in dem es freundlicherweise mir selbst überlassen bliebe, wie und wann ich abtreten möchte, ob nun versehentlich („natürlich“), mit einer Plastiktüte über dem Kopf, einem Opiumpfeifchen zwischen den blauen Lippen, oder, im Extremfalle, blutüberströmt, unter Absingen einer eindringlichen, mit einem Pistolenschuß eingeleiteten Opernarie.

Kunstsperma, Erdbeersuppe, Whisky-Seife: Breit wie ein Dachs mit Kirschkerndurchfall

9. Juli 2009
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Ein Petrischälchen Sperma (aus biologischer Herstellung)

Na toll, das ist ja wieder super was zum Beömmeln! Händereib, schenkelklopf, frau steht Kopf: Sperma gibt’s bald aus der Tube! Wissenschaftler in Newcastle (Prof. Frankenstein und die Drs. Mabuse, Fu-Man-Chu, Eisenbart et al.) haben erstmals (erstmals!) künstliches Sperma aus Stammzellen synthetisiert! Tja, was soll man sagen? Sieht aus wie Sperma, schmeckt wie Sperma, wirkt wie Sperma! Big Deal! Warum? Ja, denk mal nach, Mensch. „Männer werden überflüssig!“ krawallabert die internationale Printfresse. Und Frauen werden zu Schlingpflanzen, die sich selbst befruchten können, mit sich selbst durch sich selbst. – Originell ansprechen („Bist du öfter hier?“), Essen gehen, im Kino knutschen, Gehen-wir-zu-dir-oder-zu-mir, anstrengendes oder ungelenkes GV-Gezappel: Kann man sich jetzt alles sparen, bald, dann, den ganzen Krampf. Mutti mixt sich jetzt autonom und autark ihre eigenen Klon-Schäfchen! Vati und Mutti können endlich die peinlichen Versuche einstellen, sich ganz doll lieb zu haben.

Fünf Jahre wollen die Forscher noch die „Produktionstechnik“ ausfeilen, dann kommt es! Das Laborsperma. Ich male mir ja schon mal aus, wie ich auf die Frage „Was machst’n so beruflich?“ nonchalant sagen werde: „Ich bin Spermafabrikant“, oder vielleicht noch knackiger: „Ich denke darüber nach, ins Spermageschäft zu investieren“. Haha. „In der Theorie werden Männer damit entbehrlich“, faselt der Oberfrankenstein. Man braucht nämlich „in der Theorie“ nur einen einzigen männlichen Embryo für die Stammzellen-Gewinnnung. Gut, zur Reserve könnte man ja noch zwei, drei Stück einfrieren.

Hat man sich das gut überlegt? Gerade meldet man aus Paris: „Chanel-Röcke sollen dem Bein schmeicheln“. Zu spät, Herr Karl „Ladenhüter“ Lagerfeld, zu spät. Hat sich leider ausgeschmeichelt. Beine werden zur sexuellen Kontaktanbahnung nicht mehr gebraucht, Beine müssen nicht mehr in die Hand genommen oder breit gemacht werden. Frau kann ihre Beine jetzt mal stecken lassen, desgleichen müssen sämtliche berühmten sekundären Geschlechtsmerkmale jetzt nicht mehr ständig betont, entblößt, verhüllt, unterfüttert und mit Silikon ausgestopft werden. Frauen können ihre Zentimeter nunmehr oben, in der Mitte und untenrum, nach vorne oder nach hinten raus hemmungslos verteilen, wie sie wollen: Wir Männer gucken jetzt nur noch Sportschau und werden nach dem fünften Bier schwul. Wenn überhaupt noch!

Dabei haben die Franzosen gerade erst begonnen, statt einem Kilo (!) nur noch 800 gr. Knoblauch im Jahr zu essen, heißt es auf der gleichen Zeitungsseite. Wieso?  L’amour, l’amour, schätz ich mal. Quelle obsession obsolete! Der französische Knoblauch-Verband … – wie? Doch, den gibt’s, er heißt ANIAIL, und er hat zur Wiederankurbelung des Knoblauchverbrauchs vorgeschlagen, sich auch mal an ungewöhnlichere Gerichte zu wagen, beispielsweise an „Erdbeersuppe mit Honig und Knoblauch“. O là là! Ich tät noch Seifenflocken reinrühren, fürs diversifiziertere Geschmackserlebnis.

Essen wird ja jetzt noch wichtiger. „Essen“, erklärte mir neulich ein zur Korpulenz neigender Kumpan aus schlankeren Tagen, „essen ist der Sex des Alters“. Da hab ich ja noch Glück gehabt! Wenn das unverschrumpelte Jungvolk frustriert in die Glasröhre schaut und Kunst-Spermien züchtet, feiere ich kulinarische Orgien! Und zwar, wie es in etwas anderem Zusammenhang (Unzuchttreiben) im Katholischen Beichtspiegel heißt: „Allein oder mit anderen“! Eine frühere Freundin hat mir mal gestanden, als Kind habe sie es erst durch diesen Beichtspiegel erfahren, daß man „es“ auch mit anderen machen kann! Na ja, aber jetzt ist das ja vorbei. Sex sells nicht mehr. Sex sold out.

Zum Thema Orgie paßt eventuell noch die letzte Meldung, aus dem Harz. Dort hat man jüngst einen stark angetrunkenen Dachs aufgegriffen, der mitten auf der Straße seinen Vollausch auspennen wollte. Er hatte pfundweise vergorene Süßkirschen gegesssen und war, so der ungewöhnlich launige Polizeitbericht, „breit wie eine Amsel“. Außerdem habe er an „kirschkernhaltigem Durchfall“ gelitten. Zwanghaft, die Vorstelllung: der Dachs als biologisches Maschinengewehr…

Ach ja, und noch apropos Amsel (schwarzer Sänger, der durch Pigmentstörung weiß werden kann): Als allerletzter vermutlich habe ich ewiger Aktualitätsnachzügler  die medialen Nachbereitungen der Michael-Jackson-Trauerfeier zur Kenntnis genommen. Die exorbitante Dezenz und Geschmackssicherheit der Jackson-Family hat mich umgehaun. Am besten fand ich den goldenen Sarg auf der Bühne. Das polierte Teil erinnerte mich etwas an diese Warmhaltecontainer, die es bei chinesischen Buffets immer gibt. Mit Sicherheit war ich nicht der einzige, der drauf gewartet hat, daß am Ende der King of Pop von innen die Goldschatulle öffnet, herausspringt und moonwalkenderweise, gemeinsam mit einem Zombie-Ballett weißer Afroamerikaner, ein kleines Jubelliedchen anstimmt, um dann den Vorverkauf für seine Welttournee zu eröffnen.

Aber, um zum Schluß zu kommen: Warum denn bitte keine Seifenflocken in der Erdbeersuppe? Es gibt zum Beispiel, hab ich gerade gelernt, allein zig verschiedene Sorten Whisky-Seife! Lecker! Echt!  – Ach, Mensch, so sterben: Breit wie ein Dachs, mit Whisky-Seifenschaum vorm Mund, in einem goldenen Warmhaltecontainer einen Berg von Schnee hinunter-, bzw. hinüber rodeln…

Marmorkuchen, Kaiserschmarrn: Überleben trotz Ärzten

26. Juni 2009
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Er lebe ruhig ziemlich hoch: Josef II. (HRR), Kaiser des Hlg. Römischen Reichs Deutscher Nation, 1741-1790

Überall dasselbe: Historischer Hotzenprotz! London, Paris, Madrid, Lissabon, Brüssel, Wien: Im Eurovision Sightseeing Contest punkten  Metropolen mit Prunk und Pracht. An jeder Ecke alte Schachteln! Mörderische Marmorkuchen bratzen fett, monströs und milliardenschwer in Parks, an Plätzen, am oberen Ende von Alleen und am Saum der Boulevards und Avenuen: Ungeheuerlichstes Un-Getürm, posamentierte Potentaten-Palastpanzer, Schlossallee-Schlösser. Neureiche Chinesen-Touris umkurven den Steinschlamasselsalat mit der Gondel oder dem Fiaker und machen „Oh!“ und „Ah!“. „Klick“ macht es auch ununterbrochen, Asiaten wollen ja Hofburg und Versailles gern als mp3 mitnehmen, im Kopf macht es aber nicht „klick“, weil die Herrschaften kein „L“ aussprechen können, oder weil sie der diensthabenden Niedlichkeitsprinzessin, Fremdführerin Li, nicht zuhören. Quak, Qaack, sagt die gerade, was soviel heißt wie: „Kaiser Nepomuk III.a  errichtete hier ein Sommer-Sanatorium“ oder „Scherzherzog Fürstenschreck-Osterhazy leitete zum Zweck der Türkenabschreckung hier die Donau in den Wienerwald…“ usw. Wie denn, fragt sich der Bildungsferne, in Geschichte immer Geschwänzthabende: Wurde das Habsburgerreich denn von Maurern und Kanalbauern regiert? Ja und nein. Na ja gut, eher nein. Die Knochenarbeit wurde von eigens zusammengekarrten Knochenarbeitern gemacht, aber immerhin auf kaiserlich-königliche Bestellung. Wie? Was fragt ihr? Nicht alle durcheinanderreden! Du da! Was ist deine Frage?

Ob es Kaiser und Könige wirklich gegeben hat? Aber selbstverständlich! Alfons der Viertelvorzwölfte, der Kaiser mit den neuen Kleidern, der Schwiegervater von Aschenputtel und der Chef vom Eisernen Hans – die haben alle wirklich mal gelebt! Ist aber lange her. Heute sind die meisten auf ihrem Pferd versteinert und stehen auf Parkplätzen, oder so Plätzen im Palastvorgarten. Manche kennt man noch: Kaiser Testarossa, Kaiser Schmarrn, Fürst Pückler. Oder eben auch Dings, Kaiser Josef.

„Och nö! Nicht schon wieder Josef! Dann heiß ich ja wie diese ganzen anderen Kaiser alle“, maulte der kleine Prinz. Na gut, hieß es in Hofkreisen, dann nennst du dich eben … Josef II. –

 Als Josef II. geboren wude, 1741 in Wien, gab der Palast eine Presseerklärung heraus, die heute noch grooved:

 “Heute in der fruhe zwischen 2 und 3 Uhr seynd Ihre Majestät die Königin zu Hungern und Böheim (sic!), Erz-Hertzogin zu Österreich, unsere Allergnädigste Landes-Fürstin und Frau eines schön- und wolgestalteten Ertz-Herzogen zu unaussprechlicher Freude Allerhöchster Herrschaften wie auch zum höchsten Trost alhiesiger Inwohner und gesammter Königl. Erb-Königreichen und Landen glücklichst entbunden worden; von welcher glüklichen Entbindung alsogleich der Ruf mithin ein immerwährendes Jubel-Geschrey durch alle Gassen noch bey eitler Nacht erschollen. Von dieser glücklichen Entbindung seynd auch die Nachrichten mittels Abfertigung einiger Kammer-Herren, Truhsessen und respektive Expresso an unterschiedliche auswärtige Höfe abgefertigt worden.”

 „Ein immerwährendes Jubel-Geschrey durch alle Gassen noch bey eitler Nacht“, das kennt man sonst nur von der Fußball-WM, aber der kleine Säugling vom Mutter Maria Teresia hatte es verdient! Schon früh widmete sich der Kaiserlehrling der Aufgabe, sich beim Volk unvergesslich zu machen, etwa durch sorgfältig und systematisch organisierte Ausbeutung Ungarns, der Tschechei, Rumäniens, Serbiens, Kroatiens, Sloweniens, Norditaliens usw., denn eine Hofburg oder ein Schloß gibt’s ja nun nicht auf Bausparvertrag. Josef II. hat aber auch viel fürs Volk gemacht. Hauptsächlich Vorschriften, und zwar für alles und jedes. Er galt ein bisserl als Pedant, weil er der Bevölkerung sogar vorschrieb, wieviel Kerzen sie bei einer Beerdigung anzünden sollten. Außerdem verbot er den Genuß von Pfeffernüssen, von denen er irgendwo mal gelesen hatte, sie seien gesundheitsschädlich.

 Gesundheit war ihm überhaupt wichtig! Deshalb ließ er 1784 den Narrenturm bauen, um psychisch Kranke zu pflegen – damals revolutionär. Das Gebäude hat 5 Stockwerke mit je 28 Zellen, weil das für Josef, einen Anhänger der kabbalistisch-astrologischen Zahlenmystik, irgendwas bedeutet hat. Auch Monarchen pflegen Marotten. Es heißt, Kaiser Josef II. hätte sich im Narrenturm ein eigenes Studierzimmer einrichten lassen,  weil dort, hoch im obersten Stock, die „geistige Energie“ besonders stark gewabert habe, die der Kaiser habe tanken wollen oder so, vielleicht war der Habsburger insgeheim ein Feng-Shui-Anhänger? Nein, aber gehörte dem Geheimbund der Rosenkreuzer an, und deren Vorstellungen waren spinnert genug.

Anderen Spinnern war der aufgeklärte Absolutist eher abhold: Er drängte den Einfluß des katholischen Klerus zurück, befahl religiöse Toleranz und löste alle Klöster (700!) auf, die keine produktive Arbeit leisteten. Im übrigen düste der Kaiser in seiner Kutsche rastlos inkognito quer durch Europa, um als „Graf Falckenstein“ so seine Erfahrungen zu machen, zu denen es wohl auch zählte, über den Kaiser, den Hundsfott, schimpfen zu hören. Allerdings wussten die meisten Menschen schon bescheid, wenn „Graf Falckenstein“ auf Tour war: Sie zogen ehrerbietig die Hüte und riefen: „Grüß Gott, Herr Kaiser!“.

Ein späterer Nachfahr des Kaisers, Franz Joseph, hat in Wien ein Hutmuseum begründet. Das nebenbei. Die damals geschwenkten Hüte könnten also evtl. besichtigt werden.

Dort, wo Josef II.  den Narrenturm bauen ließ, befanden sich bereits Armen- und Pesthäuser sowie ein Militärspital und eine Feldscher-Schule, Einrichtungen, die der Kaiser zu Wiens größtem und (damals) modernsten Krankenhaus zusammenfasste, welches man deshalb, mit gewissem Recht und zweckmäßigerweise, „Josephinum“ nannte. Das Josephinum gibt es noch heute; neben diversen Uni-Instituten beherbergt es die „Sammlungen der Medizinischen Universität Wien · Josephinum“, eine der bedeutendsten, in Jahrhunderten gewachsenen, komplett erhaltenen medizinhistorischen Sammlungen der Welt. Hier läßt sich studieren, warum die Leute, die damals überlebten und ein respektables Alter erreichten, es zumeist TROTZ der Ärzte taten, und nicht wegen. Ob dies heute natürlich vollkommen anders ist, darüber darf man denken, was man will – nicht zuletzt aufgrund der emsigen Aufklärungstätigkeit des großen Kaisers Josef II., von dem die Leute erst merkten, daß er eigentlich doch nicht so ein übler Patron gewesen war, als sie in den Genuß der Regentschaft seiner erzreaktionären Nachfolger kamen.

 Ansonsten wäre noch zu sagen, daß der Kaiser das engelhafte Originalgenie Wolfgang Amadeus Mozart dankenswerterweise generös mit Opernaufträgen bedachte. Hoch lebe daher, wenn auch nicht ganz so hoch wie’s Wolferl, der Kaiser Josef II.! Ihm, der 1790 an Tuberkulose starb, folgte sein Bruder, Leopold II. Da war erstmal Schluß mit lustig und mit Meinungsfreiheit. 

Arnold Winterseels Jour Fixe: Der Papst beim Striptease….

11. März 2009
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Traum der Philosophen: Einmal auf Miss Cuties Pyjama-Party eingeladen sein...

…ODER DIE PSYCHOPATHOLOGIE DES VERLESERS

Auf dem Weg, in der U-Bahn, bekam Freund Fredy mal wieder seinen Missionarischen:  Mit vor Eifer erblühenden Wangen teufelte er auf mich mit seinen Lieblingsthesen ein: Nämlich, Autismus sei gar keine Behinderung, sondern ein ebenso anmutiger wie umweltschonender Weg, sich die Zumutungen der Welt vom Halse zu halten und stattdessen sich konzentriert und selbstvergessen der Perzeption und Pflege innerer und äußerer Ordnungen von komplexer, ja unsagbarer Schönheit zu widmen! – Ich blieb aber gelassen. Glasperlenspielsüchtigen wie Fredy Asperger sollte man in diesen Dingen nicht widersprechen. Bei meinem letzten diesbezüglichen Versuch hatte er mir mit vor Konzentration völlig verklärtem Blick und beunruhigend methodisch sämtliche Knöpfe vom Jackett gedreht! – Bin ich mit Fredy unterwegs, trage ich innerlich immer meinen Button mit der Aufschrift: “Freundschaft heißt, das Fremdartige zu akzeptieren, bis es einem aus Gewohnheit lieb wird”.

Die Runde in Arnold Winterseels verqualmten Salon präsentierte sich uns beim Eintritt in schon vorgerückt entspannter Stimmung. Es fehlten diesmal freilich die Aquavitzwillinge, die sich entschuldigen ließen, weil sie, so hatten sie trotzig kundgetan, ihren Junggesellenabschied zu feiern gedachten und deshalb nur eine Grußadresse, einen Topf Fischerbowle und eine Langspielplatte mit Shanti-Songs hatten abgeben lassen. (Trotzig insofern, als weder Hinrich noch Hauke überhaupt über eine Braut verfügten, eine Hochzeit bei keinem der Zwillinge absehbar bevorstand und überdies beide, wie wir sehr wohl wußten, im Alter von jeweilen 34 Jahren noch bei ihrer alleinerziehenden Mutter wohnten. Wir Liberalen tolerieren dies natürlich schmunzelnd.) 

Man war, so stellte sich heraus, bei einem Becherchen Bowle in eine Debatte über die psychoanalytischen Hintergründe von sog. Verlesern verstrickt. Oma Hager hatte leichtsinnigerweise erzählt, sie habe kürzlich einmal statt “Brieffreundin” das Wort  “Bierfreundin” gelesen, bestritt dann aber hartleibig, daß dies einen verdrängten Wunsch von ihr offenbare, da sie als Feministin der allerersten Stunde Bier als notorisches Getränk des Patriarchats generell verschmähe; auch einer “frivolen Freundin”, Bier hin oder her, bedürfe sie nicht, da sie, ihrer Erinnerung und ihres damaligen Kenntnisstandes (“Wir wußten ja nichts!”) nach, in ihrer aktiven Zeit, bis tief in die 50er Jahre hinein, eindeutig heterosexuell gewesen sei. Magister Blankenvers quitttierte es mit einem unverhohlen diabolischen, ja fast dionysischen Grienen, daß Oma Hager das Wort immer auf der zweiten Silbe betonte (“hetérosexuell”), was ihm (dem Wort, nicht Blankenvers) eine gewisse hetären-ähnliche Verruchtheit verlieh.

Sven-Aaron Mangold, unser Einserjurist, aufgrund eines unverhofft gewonnenen Falles schon seit Stunden mit gelockerter Krawatte, steuerte einen weiteren, persönlich erlebten Kasus bei: So habe er in der Zeitung, diese flüchtig durchblätternd, die Headline “Papst erfand Striptease” gelesen und sich unwillkürlich und zwanghaft, in Sekundenbruchteilen, das Kirchenoberhaupt als Table Dancer in kardinalsroten Strapsen vorstellen müssen; es habe aber dort, bei nochmaliger Lektüre, letztlich doch “Paris” statt “Papst” gestanden. Psychonalytisches Nachbohren beantwortete auch Mangold mit striktem Widerstand: Keinesfalls hege er insgeheim die homoerotische Begierde, beim Heiligen Vater (ca. 94) “den Ministranten spielen” zu wollen! Er weise dieses “in aller Schärfe”, wie er nicht ohne Humor betonte, zurück. – Ich ließ mich dann nicht lumpen, und steuerte meinen eigenen neuesten Verleser bei. Ich hatte kürzlich auf meinem Blog einen Typus porträtiert, den ich den “Eindimensionalen” nannte. Eine mir persönlich noch unbekannte, nichtsdestoweniger sehr liebe Wienerin schrieb mir daraufhin augenzwinkernd, immerhin aber sei dieser Eindimensionale, dessen Urbild im realen Leben sie vielleicht ebenfalls kenne, “monotaskingfähig”. Da dieser Begriff bis dato weder meinen aktiven, noch meinen passiven Wortschatz bereicherte, las ich stattdessen geläufiger “montagskinofähig” und versank unmittelbar in jene hypnotische Trance, die Verleser bei mir verursachen können, während ich mir den in Frage stehenden Mann als jemanden vorzustellen versuchte, der nicht nur seine Schuhe allein zuzubinden, sondern evtl. auch des Montags imstande wäre, an der Kinokasse ein verbilligstes Eintrittsbillett für einen ab 6 Jahren freigegebenen Animationsfilm zu erstehen. 

Es war die hinreißende Miss Cutie, die mir noch vor etwaigen Nachfragen beisprang und erklärte, darin könne sie nun “beim besten Willen keinen freudianischen Schweinkram” erkennen. Ich dankte ihr mit einem knapp angedeuteten Luftküßchen, worauf sie sich mit einem derart himmelblond-schüchternen kleinen Lächeln revanchierte, daß ich es später mit nach Hause nahm und in eine Vase stellte. Ironischerweise war es aber ausgerechnet unsere modisch immer topaktuelle und auf Stylishkeit bedachte Beauty-Queen, deren Verleser dann doch noch eine wenigstens annähernd sexualpsychologische Deutung nahelegte. Sie habe, bekannte Miss Cutie mit einem entzückenden leichten Erröten, kürzlich einen Illustrierten-Report über Schönheits-OPs studiert, worin eine Botox-Heroine als “Stilikone” apostrophiert worden sei, sie aber, – wohl weil die Lektüre im Wartezimmer ihres Gynäkologen erfolgte, in einer gewissen inneren Flüchtigkeit stattdessen “Silikone” gelesen habe. Bei diesem Bekenntnis senkte sie keusch den Blick – sodaß wir, sie eingeschlossen, ausnahmslos alle für eine erlesene Sekunde lang meditierend den Blick an ihrer Oberweite verweilen ließen. Dies war ein extraordinär besinnlicher Moment, – als flöge der sprichwörtliche Engel durchs Zimmer!

Es war aber Dr. Winterseel, unser verehrter Traurigkeitslehrer, der unbemerkt durch die Tapetentür getreten war. Leger in das Vorlesesitzmöbel gegossen hielt der Mann im schwarzen Samt-Sakko uns einen Vortrag darüber, wie der Kirchenvater Augustinus einst (in “De Civitate Dei”) die unwillkürliche, willentlich nicht zu beeinflussende Spontan-Erektion des männlichen Geschlechtsgliedes als Bild- und Gleichnis für Adams Aufstand gegen Gottes Willen interpretiert habe. Leider konnte ich mich auf die hermeneutisch-theologischen Weiterungen des Gleichnissses nicht mehr konzentrieren (muß Fredy fragen!), weil ich von Miss Cuties träumerisch verschleierten veilchenfarbenen Augen gefesselt war. Es muß aber Winterseels Vorlesung immerhin zu einer gewissen Beschwingtheit Anlaß gegeben haben, weil Oma Hager, nach mehreren “Chartreuse grün” einigermaßen entfesselt, noch im Treppenhaus aufgekratzt gekräht haben soll: “Nieder mit dem Phallus! Nieder mit dem gottlosen Rebellen-Schurken! Nieder! Willst du wohl…! Nieder mit dir, sag ich…!”

dscn3678

Ein Wiener, seinen Phallus niederstarrend (Monotasking)


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