Posted tagged ‘Fernsehen’

Ein Dichterleben

16. Februar 2012

Kulturdamen verabscheuen Indezenz! (Quelle: http://www.allmystery.de/)

„Am 23. Jänner, im dritten Semester, war ich bereits dermaßen arm, dass ich erwog, mir die Fingerspitzen zu frittieren, um wenigstens einmal wieder etwas Warmes zu knabbern zu haben.“ – Auf einer Novelle, die dergestalt sinister begänne, läge kaum Segen. Mit Grausen beschlösse die jäh abgeneigte Leserin, immerhin Absolventin mehrerer Volkshochschulkurse zum Thema Gute Damen-Literatur, die Lektüre noch in der duftkerzenbeschienenen, von Vivaldi-Musik umschmeichelten Wellnessschaumbadewanne abzubrechen. „Ein entschiedenes ‚Igitt, nein!’ zu solchem sozialkritischen Autokannibalismus! Es sind ja noch nicht mal Rezepte drin!“ schleudert die vor Unzufriedenheit bebende Lesedame dem unbekannten Autor K. entgegen, der hungrig in seiner Dachmansarde im 5. Stock (ohne Aufzug) sitzt und den Kopf hängen lässt, nicht wegen der strengen Lektüre-Domina, die hat er ja zum Glück gar nicht hören können, sondern aus allgemeiner Geschmacksverbitterung und hirn-ekliptischer Gemütsokkultation.

 * * *

„SPUCKEN SIE BLUT BEIM ZÄHNEPUTZEN?“ – Mit dieser marktschreierisch-aufdringlichen, schamlos verhörerischen Erkundigung hatte den jungen Empfindling schon am Morgen eine Reklametafel für Zahnpasta angefallen und gründlich den Tag verdorben. Solche indezente Herumbohrerei in seiner oralen Intimzone hatte ihn nachhaltig verstört; in seinem Merkbuch für angehende Dichter hieß nämlich eine der ersten Maximen: „Merke, Dichter! / Blut und Eiter/ stimmen niemals heiter!“ – Unbedingte Körperdistanz und strikte Affektkontrolle! – so hatte es ihm einst sein alter, vor zwei Jahren auf einer Kreuzwallfahrt nach Detmold verschollene Traurigkeitslehrer Arnold Winterseel stets eingeschärft. Schon, dass er inwendig lauter Adern besaß, in denen es praktisch ständig blutete und, schlimmer noch, einen meterlangen rosa-bräunlichen Darm, in dem unentwegt Unaussprechliches vor sich ging, kränkte ihn aufs peinlichste und ließ ihn vor Selbstabscheu das Atmen vergessen. Seine fortschreitende Dezenz veranlasste ihn sogar, nachts seine Wortschatzkiste zu durchkramen und gemeine Wörter wie „schleimlösend“, „Brechdurchfall“ oder „Mukoviszidose“ auszusortieren und unter allen Anzeichen des Ekels in den Wäschekorb zu stopfen. – „K.“ ist übrigens natürlich nur ein Künstlerpseudonym, unser Autor heißt bürgerlich Fredi Asperger, eine Name, unter dem er indessen praktisch unbekannt ist.

* * *

Wie mancher zumeist Ungelesene lebt Asperger häufig von frugaler Mangelernährung. Fettfreier Erbsbrei, Trockentoast und Teewurst alle Tage, an hohen Feiertagen vielleicht eine Dose plastinierte Ölsardinen, das ist das Brot der Dichter. Vitamine, Sprudelelemente und ungesättigte Mineralöle? Fehlanzeige! Eine gewisse Dünnhäutigkeit ist die Folge, was freilich der emsigen Verwandlung von Alltagszumutungen in schöne oder auch weniger schöne Literatur förderlich sein kann, in der Mansarde, nach Feierabend. Nur die Plapperkiste muss aus bleiben, denn da kommen zum Abendbrot schon wieder Nachrichten aus dem Verdauungstrakt.

* * *

Zum Glück war der TV-Apparat ohnehin längst entzweigegangen und komplett hin, weil Asperger, von einem Koi-Aquarium bei seinem Eck-Chinesen inspiriert sowie durch eine halbe Flasche Schottenschnaps ein wenig übermütig geworden, einmal während einer öden Talk-Show eine Kanne Blumenwasser hineingefüllt hatte, um zu prüfen, ob die verzweifelt munteren Plaudertaschen im Studio wohl einmal das Plaudern vergäßen und zu schwimmen versuchten, wenn man sie dazu zwänge. Sie vermochten dies aber eher nicht, soweit Asperger dies beurteilen konnte, denn zu seiner schlagartigen Ernüchterung implodierte die Flimmerkiste mit einem unangenehm endgültigen Brizzel-Knall-Geräusch und verriet fortan nichts mehr über das weitere Leben ihrer internen Spaß-Figürchen. – Im Grunde ein Segen, denn Fernsehen verklebt, wie die Ölpest das Gefieder der Pelikane, die Flügel der Phantasie, – mit Ausnahme von Kulturfilmen aus Afrika, zum Beispiel über diesen einen Stamm in Äthiopien, wo sich die Frauen Essteller in die Unterlippe operieren, um attraktiver zu sein. Das lädt freilich endlos zum Träumen ein.

 

Elefantenbeerdigung. Schweigen oder Schreien?

25. Juli 2011

Musik: Gustav Mahler

Ist dies ein retrograder, die Vergangenheit verklärender Wunschtraum, oder gab es das in meiner Kindheit tatsächlich einmal? Dass das Radio – Fernsehen spielte noch kaum eine Rolle –, bei wirklich erschütternden Welt-Ereignissen, stundenlang bloß getragene Musik spielte? Knapp und beherrscht, sozusagen mit schwarzer Krawatte in der Stimme, wurden die Nachrichten verlesen, dann gab es Chopin und Brahms zum Nachdenken und In-Ruhe-Traurigsein. Wer nicht traurig war oder keine Lust auf Nachdenken hatte, schaltete das Radio halt aus oder er konnte Radio Moskau einstellen, wo eine Dame mittleren Alters jeden Abend gleichmütig kryptische Zahlenkolonnen in den Äther murmelte, welche von Spionen draußen an den Weltempfängern beflissen mit unsichtbarer Geheimtinte auf spezielle Spickzettel notiert wurden.

Als älteres und etwas verschrobenes Kind pflegte ich meine Weltverzweiflung – Gothic, Grunge und TripHop gab es ja noch nicht – gern z. B. mit dem Trauermarsch aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie in cis-moll zu untermalen bzw. zu bestätigen. Freilich, dieses Sahnestück trauermusikalischer Monumentalsymphonik ist so pastos-pompös und Pathos-gesättigt, dass ich mich beim Anhören immer unwillkürlich auf einer Elefanten-Beerdigung wähnte, auf der endlose Reihen solcher imposanten Rüsseltiere in traumverloren retardiertem, tonnenschweren Trampeltrott zu Paukenwirbeln, wienerischem Geigen-Weinen und gelegentlichen, herzzerreißend dissonanten Posaunenstößen aus ihren anklagend hoch geschlenzten Rüsseln zum Friedhof walzten, und dann musste ich fast schon wieder ein bisschen lächeln.

Die tägliche Medienmahlzeit war noch frugal und der Seelenhaushalt dementsprechend schlank und beweglich. Heute wird von Print, TV und Internet auch jede noch so winzige Denkpause mit einem übel riechenden, klebrigen, hirnzersetzenden Geschwätz vollgekübelt. Voll aufgedreht sind die Phrasophone und Trivialtrompeten und ergießen routiniert und gnadenlos ihre Plapperkaskaden, in Livetickern und Leid-Artikeln, ihren würgenden Brei aus Tränensülze und zähem Worthülsenstroh, der nichts offenbart als die sinistre Geistesferne, Gemütskälte und Herzensleere eines sich um sich selbst drehenden  Apparates. Getrieben von der Logik des Sensationellen und ausgepumpt von der Inflation der Superlative, ist alles, vom Tsunami über das Loveparde-Desaster bis zum Massaker in Norwegen selbstredend eine „unfassbare Tragödie“ und eine „unermessliche Katastrophe“, nach der „das Land sich verändern wird“ und, natürlich, dumpfes Orakel, vor allem „nichts mehr so sein wird wie zuvor“.

Die Redundanz dieser Phraseologie entspringt nicht so sehr – wenn auch im Einzelfall evtl. schon –  der lähmenden Denkfaulheit von Redakteuren, Leitartiklern und Reden-Schreibern, sie ist dem System der Massenmedien inhärent wie ein unausrottbarer Herpes-Virus. Dessen Grundfluch liegt in dem Zwang, keine Minute innehalten zu dürfen; selbst während mühsam aufgebrachter Schweigeminuten läuten wenigstens die Kirchenglocken oder werden notfalls Bilder von Schweigenden gezeigt, vielleicht, damit man sich daran erinnert, was es eigentlich noch mal hieß, die Klappe zu halten. Neben dem horror vacui, aus dem heraus gegen das erschütterte Schweigen, gegen die Angst vor dem Sterben und das Vordringen des Nichts angelabert wird, hat das Elend mit der Armut der Sprache zu tun. Es gibt ein Entsetzen oder eine Erschütterung, dessen Gewalt sich nicht in Worten ausdrücken lässt. Dafür brauchte man ein Saxofon, eine E-Gitarre, einen Schrei, so unartikuliert und seelengepeinigt, dass alles Gerede daneben verstummt.

So einen Schrei oder so ein Schweigen für ein paar Stunden zu übertragen wird sich gewiss kein Redakteur überreden lassen, schon klar. Das Innehalten ist unwiederbringlich dahin. Wie eine palavernde Affenherde müssen wir alles bis zum Überdruss beschwatzen, solange, bis wir knöchelhoch in leeren Worthülsen waten, bis uns das Geröll, der Müll, das Gerede bis zum Hals steht.

Die alten Griechen, unter denen ich, gymnasial bedingt, aufgewachsen bin, führten einmal im Jahr, zum Dionysos-Fest, Tragödien auf. Sie waren zwar wuchtig und aufwühlend, aber durchaus nicht „unfassbar“, sondern dienten im Gegensatz gerade dazu, das Grauen und die Tragik des Existierens fassbar zu machen. Tragödie, das heißt wörtlich „Bocksgesang“ und war der Beschwörung des doppelgesichtigen (und bocksgestaltigen) Fruchtbarkeits- und Todes-Gottes Dionysos gewidmet, dem fremden Gott aus dem Osten, der zügellos zeugte und zertrat, was sich ihm in den Weg stellte. Ich stelle mir vor, die Zuschauer im Theatron haben dabei geweint, geschrieen und Sonnenblumenkerne gegessen, deren Schalen sie zwischen die Sitzreihen spuckten. “πολλ τ δειν κοδν νθρώπου δεινότερον“, sang der Chor die Worte des Sophokles: „Ungeheuer ist vieles, doch nichts ungeheurer als der Mensch“. Die Athener nickten ergriffen, seufzten vier Tage lang, dann wandten sie sich wieder ihrem Tagwerk zu – der Beraubung, Plünderung, Schändung und Ermordung ihrer Nachbarn.

– Und jetzt Musik.


Zu oberflächlich für gute Träume

23. Juli 2011

Ziemlich guter Traum

Mein englisches Lieblingswort ist derzeit „weird“. Das vorab. – Jetzt was anderes: Wie ich aus dem Fernseh (wo auch sonst her?) erfuhr, gibt es in unserem Land ein Bundessortenamt, worin sich hochspezialisierte Spezialexperten unter anderem um die züchterische Sortenreinheit von Schnittblumen kümmern. So löblich und beruhigend ich das finde – wer stellt sich schon gern gengepanschte Blumenplagiate in die Vase! –, so bedauerlich und fragwürdig finde ich, warum es dann nicht auch ein Bundestraumamt gibt, wo man sich man mal beschweren könnte, wenn man fast ausschließlich von phantasielosen, grottenlangweiligen und dramaturgisch stümperhaften Träumen ohne Sinn und Pointe heimgesucht wird.

Meine Träume sind meistenteils derart öde, dass ich dabei einschlafe, worauf der fade Striemel, anders als wenn man vorm Fernseher einschläft, leider unerbittlich von vorne beginnt. Ich hab schon überlegt, ob ich es mal mit Drogen versuche, aber andererseits, wo nichts ist, kann auch Chemie nichts rausholen, oder? Auf mich trifft ein Satz zu, den ich mal in einem Film gehört habe: „Tief im Inneren bin ich wahrscheinlich total oberflächlich“. Sonst würde ich doch von futuristischen finnischen Städten träumen, von einbeinigen Zwergen mit hohem, spitzen Hut, von Barockkantaten singenden Kastratentunten, von Einrad fahrenden Riesenweibern, blutüberströmten Christussen  und allerhand handkolorierter, phantastisch-surrealer Zirzensik!

Stattdessen verdinge ich mich im Traum als Profifußballer in einem Drittligaverein, und zwar als Torhüter, was für einen Traum schon mal ein selten dämlicher Anfang ist, wenn man Fußball nur aus dem Fernsehen kennt und im Leben noch nicht einen einzigen Ball gefangen hat! Schon im Traum wurde mir deswegen bänglich und ich behalf mich nur notdürftig mit der im Wachleben oft praktizierten Einsicht, dass man, wenn man von was keine Ahnung hat, dann halt eben improvisieren muss. Schon stand ich in der Anfangsformation, angetan mit einem kanariengelben Trikot, welches das Verstecken auf dem Rasengrün gründlich verunmöglichte, an den Händen zudem unförmig riesige Handschuhe, in denen ich meine Finger nicht fühlen konnte. Dann ging es schon auf den Platz. Der freilich war, typisch Traum, extrem unübersichtlich und erstreckte sich über mehrere Kilometer unwegsames Gelände. Er begann mit dem gegnerischen Tor auf einem asphaltierten Schulhof und führte quer durch Brachland bis an den Stadtrand, wo ich frierend, hungrig und deplaziert in meinem „Kasten“ auf den Angriff wartete, der aber nicht erfolgte.

Ich kürze ab: Es waren Stunden vergangenen, ehe der feindliche Sturm vor meinem Vororttor auftauchte, und sie semmelten mir, der ich steif gefroren, unterfordert und unbeschäftigt herumstand, umstandslos den Ball ins Tor. Ich hechtete sinnlos in eine große Pfütze kalten Schlamms und erntete von den Rängen Hohn und Spott. Noch im Traum dachte ich: „Mist!“ und „Ich wusste doch, dass ich das nicht kann!“, aber die Schmach war bereits geschehen und ich auf die Knochen blamiert…

Wie gern würde ich mal aus einem Traum künstlerisch inspiriert, emotional gestärkt, metaphysisch getröstet oder wenigstens sexuell befriedigt erwachen, aber nein, meine Träume unterscheiden sich nicht vom realen Leben, das einem unerbittlich die eigene Unzulänglichkeit offenbart. Ich träume bloß, was ich auch sonst bin: Ein Hochstapler, der nicht kann, was er soll und sich für etwas hält, was er nicht ist. Durchschnitt, mit anderen Worten.  Ich meine, ich habe keine persönliche Traumtheorie, aber sind Träume nicht dazu da, das läppische Alltagsleben zu kompensieren, anstatt es zu verdoppeln? Warum soll ich ins Bett gehen, schlafen, träumen, wenn ich nachts genau so ein Alltagsmensch bin wie sonst auch?

Auf der Umlaufbahn (Metaebene 2)

24. April 2011

Die Welt schaut nach London

Irgendwo hab ich mal eine Anekdote gelesen über einen Astronomen, der, ich weiß nicht mehr wo, in Pressburg vielleicht oder im Wienerwald, jedenfalls öffentlich einen Vortrag über die Planeten unseres Sonnensystems hielt, Saturn, Pluto, Jupiter, Venus & Co., und hinterher sei aber ein Bäuerchen oder Schuster oder so aufgestanden, hätte zwar sein Gefallen an dem Gehörten bekundet, dann indes nachgefragt, wie man denn, wenn man auf  jenen Gestirnen doch noch nie gewesen sei, überhaupt wissen könne, wie die alle heißen? – Zwar muss ich darüber schmunzeln, doch bin ich auch so ein Depperl. Ich meine: Ständig werden irgendwelche Sachen gewusst, beispielsweise über die Sicherheit von AKWs, über die Zukunft der Renten oder die Stärke des Euro in fünf Jahren, und ich frage mich: Woher wissen die das denn?

 Gestern machte der regional zuständige Rundfunk mich mit der lapidaren Mitteilung staunen, am kommenden Dienstag, oder wann das jetzt ist, würden 4 Milliarden Menschen am Fernseher die Hochzeit des britischen Prinzen mit seiner Erbsenprinzessin verfolgen. Wie jetzt? Vier Milliarden Menschen gucken am gleichen Tag, wenn auch wg. Zeitverschiebung vielleicht nicht gänzlich synchron, neun Stunden lang zu, wie ein verschrobenes, für seine Exzentrizität berühmte Inselvölkchen sich selbst veralbert? Dreht sich die Erde dann überhaupt noch weiter? Nur, auch wenn das politisch vielleicht nicht korrekt ist, mal angenommen, diese satte Mehrheit der Weltbevölkerung wäre zugleich identisch mit deren weiblicher Hälfte – heißt das jetzt, an diesem schwarzen Tag bliebe rund um den Globus die Küche kalt, die Wäsche würde nicht gebügelt und Abermillionen von zu recht ungehaltenen Babies blieben ungewickelt? Hat man das, inklusive des weltwirtschaftlichen Gesamtschadens, irgendwie statistisch hochgerechnet, oder woher weiß man das?

 Na, ich will mal nicht den Naiven spielen: Die Medien, die so etwas herumposaunen, haben das natürlich aus den Medien, woher sonst? Die Söhne Luhmanns kennen das Fachwort dafür, es heißt Selbstreferentialität. Ein Wort wie ein vertrockneter, morscher Ast, aber es sprießen Blätter und Wunderblumen aus ihm. Ebenfalls gestern und auf selbigem Rundfunksender nämlich erfolgte endlich, worauf ich schon lange gewartet hatte: eine Sendung, die mit gebotener Fassungslosigkeit über den „Medienrummel“ berichtete, der um die fosssile Prunk- und Pompposse veranstaltet würde. Interessant ist ja, dass, wenn man sich darüber amüsiert, wie die Medien den von ihnen selber angerührten Quark bestaunen wie ein Kind, das erstmals A-A in sein Töpfchen gemacht hat und sein ureigenstes Produkt händeklatschend bejubelt, und man diese Erheiterung öffentlich und medial glossiert, man sich unversehens selber schon auf der zweiten Meta-Ebene der Selbstreferentialität befindet, also praktisch schon im Orbit planetarischer Unwirklichkeit. Die Luft wird dünn, Sinn und Substanz kommen nur noch in Spurenelementen vor.

 Leser, die das Vorangegangene für bemerkenswert halten, schlucken vielleicht auch die Meldung, das demnächst bevorstehende DFB-Pokal-Endspiel zwischen dem MSV Duisburg und Schalke 04 würde auch von ziemlich genau 44% aller außerirdischen Intelligenzen „am Schirm“ verfolgt. Woher ich das weiß? Steht doch im Internet. Nämlich keine drei Sätze vor diesem hier.

Schöner Sterben: Operntod mit Kuschelrock

30. Januar 2010

Gestern am späten Abend habe ich arte eingeschaltet. Gar nicht mal, um mich hochkulturellen Bedürfnissen hinzugeben, sondern weil ich eigentlich die dritte Staffel der von mir geschätzten Krimi-Serie „KDD“ sehen wollte, die man ins arte-Nachtprogramm verbannt hat, damit das nur Spezialisten gucken und die Quote hübsch niedrig bleibt. Man will die Serie nämlich wegen Intellligenzüberschuß einstellen. Egal – es lief aber jedenfalls noch eine Übertragung aus der Pariser Bastille-Oper, und weil Oper eine so schön bizarre Kunstform ist, blieb ich daran hängen. Es gab „Werther“ von Jules Massenet.

Man befand sich bereits im III. Akt, also, wie es im Sport heißt, „in der Schlussphase“. Titelheld Werther, von der Unerfüllbarkeit seines Liebesleidenschaftsbegehren, das schöne, aber vergebene Fräulein Charlotte betreffend, gründlich erbittert, hatte bereits die Selbstentleibung erwogen und sich zu diesem Zweck mit Pistolen totgeschossen. Der neue deutsche Star-Tenor Jonas Kaufmann brachte diesen beklagenswerten Zustand vollendeten Suizids nicht zuletzt durch die angemessene Blutüberströmtheit seines weißen Hemdes hervorragend zum Ausdruck! Auch die billigen Plätze hinten oben, und selbst wir Fernsehzugeschaltete im Ausland konnten uns von der irreversiblen Vergossenheit des Wertherschen Herzblutes zweifelsfrei überzeugen.

Doch anders als in Goethes Romanvorlage ist dieser Werther hier offenbar kein Sensibelius und Weichei, sondern ein harter Hund. Gescheitert, ungeliebt und totgeschossen läuft er erst zu richtiger Form auf, schüttelt die jungdunkelblonden, Frauen zum Schmachten bringenden Locken und es ist ihm – im Grunde gewissermaßen post mortem! – nach Singen zumute! Das ist erstmal nichts sooo Ungewöhnliches. In Opern wird beim Sterben meistens und gern noch ein wenig gesungen, allein oder mit anderen. Die edelmütige Nobel-Kurtisane Violetta Valéry (Diagnose Lungen-TBC im Endstadium) singt beim Hinscheiden, nachdem sie einen schweren Hustenanfall absolviert hat, im III. Akt von Verdis „La Traviata“ noch eine üppig herzbetörende Arie resp. ein finales Trio mit Alfredo und Vater Germont. Bon. – Bei Massenets „Werther“ wird’s aber selbst mir ein bißchen zu bunt: Der so gut wie schon lange tote Werther, man faßt es nicht und muß beinahe lachen irgendwann, singt und singt und singt, bis endlich, von der Sterbesingerei alarmiert, Charlotten hinzukommt, Werthern gesteht der Verstörten singend seine grenzenlose Hingegebenheit, das Fräulein beginnt daraufhin nachdenklichkeitshalber ebenfalls zu singen, es kommt, nach einigem motivischen Hin und Her, zum innig-sinnlichen Singe-Duett stimmlicher und sozusagen nachträglichtragischer Liebesverschmelzung, die hinwiederum singend und sterbend gefeiert wird, wobei das musikalische Liebessspiel nach Beendigung der Schlussphase, um mit dem Sport zu sprechen, nun aber doch schon deutlich in die Verlängerung geht.

Überschlägig dauert es bei Werther und seiner nun reumütig doch rückhaltlos zurückliebenden Lotte eine geschlagene Viertelstunde vom Todesschuß bis zur Einsicht, daß nun mit dem Gesang aber auch mal gut sein muß!

Jemand, der mein Interesse teilt, aber mehr Zeit hat, sollte mal ein Ranking entwickeln, meinetwegen fürs Fernsehen mit Jörg Pilawa oder Günter Jauch aufbereiten, in dem die bekanntesten Opern mal nach der jeweiligen schieren Länge ihrer vokalmusikalisch begleiteten Sterbeszenen geordnet werden. Gern erstünde ich dann einen Zusammenschnitt: Sterbeoper statt Kuschelrock. Soviel Morbidität muß sein, und man hat gleich den passenden Soundtrack parat für verschiedene ausgefallene Lebenssituationen.

Zum Beispiel könnte die Platte mit dem Sterbegesinge laufen, während man am Küchentisch vom Laptop seine E-mails liest, in deren einer man, wie ich kürzlich, aufgefordert wird, in Doktor Roger Kuschs Sterbeverein „SterbeHilfeDeutschland e.V.“einzutreten. Das soll 100,00 Euro im Jahr kosten oder, für Kurzentschlossene, „einmalig 1000,00 Euro bis zum Lebensende“, was dann, hihi, händereib, wahrscheinlich ja schon recht bald eintritt. Was man für dieses Geld genau bekommt, wird nicht recht deutlich, auch nicht auf der Homepage der Sterbe-Freunde&Helfer. Die Website www.kuschsterbehilfe.de (ich hatte erst „Kuschelbeihilfe“ gelesen!) wird auch nicht konkreter.

Feststeht, der Herr Dr. Roger Kusch, ehedem Justizsenator in Hamburg und nachmaliger semiprofessioneller Sterbehelfer, hat in der Öffentlichkeit einen Ruf, der, hm, sagen wir: verbesserungswürdig erscheint. Andererseits wird in den Medien natürlich gegen jeden gehetzt, der nicht der perfiden christlichen Ideologie vom Freitodverbot anhängt.

Bleibt vorerst festzustellen: Die Geschäfte des Herrn Kusch sind nach Verbraucherschutz-Kriterien schwer zu bewerten: Kunden, die damit positive, befriedigende Erfahrungen gemacht haben, werden naturgemäß aus eigenem Erleben keine Sternchen mehr vergeben können. Ohne dem Dr. Kuscheltod etwas Explizites anhängen zu wollen: Mir wäre es lieber, es müßte solche obskuren Vereine bzw. Geschäfte gar nicht geben. Ich persönlich lebte (und stürbe) am liebsten in einem freien, laizistischen Staat, in dem es freundlicherweise mir selbst überlassen bliebe, wie und wann ich abtreten möchte, ob nun versehentlich („natürlich“), mit einer Plastiktüte über dem Kopf, einem Opiumpfeifchen zwischen den blauen Lippen, oder, im Extremfalle, blutüberströmt, unter Absingen einer eindringlichen, mit einem Pistolenschuß eingeleiteten Opernarie.

Profane Propangaspropaganda

18. Januar 2010

Frühes Fernsehgerät (Telefunken 1936). Foto: Wikipedia / Eirik Newths

Unter der Woche ohne eheliche Aufsicht, unterläuft es mir ab und zu, daß ich spät abends vor laufendem Fernseher einschlafe. Nicht weiter schlimm eigentlich, obschon es mich stört, daß ein unbekannter Besucher meine vorübergehenden Absenzen regelmäßig ausnutzt, um mir die Weinflasche leerzutrinken. Irritierend ist es außerdem, wenn man in dem einen Spielfilm einschläft und mitten in der Nacht in einem ganz anderen Film wieder aufwacht. Man dämmert beispielsweise in einem tiefsinnsblauen, bedächtigen Unterwasserfilm weg und schreckt Stunden später in einem hektischen, schwarzweißen US-Musical wieder hoch, in dem karierte Männer zu kurze und zu enge Anzughosen tragen und ihr alltägliches Handeln mit Duett-Gesang und Steptanz würzen. Hier die fehlende „continuity“ (so nennt es der Fachmann) herzustellen fällt dann im Halbschlaf nicht leicht, Sinnzusammenhänge geraten ins Wanken und am Ende wundert man sich, was man wieder für schnöden Galimathias geträumt hat.

Vor dem Beruf des Filmregisseurs habe ich daher einen Heidenrespekt. Manchmal wäre ich selbst gern einer, weil ich nämlich schon lange die Idee mit mir herumtrage, einmal einen Film zu drehen, indem ein ganz bestimmter, magisch-enigmatischer Dialogsatz vorkommt, den ich ebenfalls mal geträumt habe. Er lautet: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“ – Aber was könnte das für ein Film sein?

Ich könnte mir etwas Biographisches vorstellen, etwa die Verfilmung des Lebensweges eines berühmten Dichters wie Goethe oder Erich Kästner. Am Anfang weiß der dünnhäutige Dichter (im Film gespielt von Matthias Schweighöfer) noch gar nichts von seiner ruhmvollen Geistes-Berufung, sondern schuftet noch als ahnungsloser Palaversklave im Textbergwerk einer Werbeagentur, die Reklamesprüche sagenwirmal für EON oder RWE schmiedet. Bleistiftkauend und mit blutigen Fingernägeln hockt der latent talentierte Laberlaborant in seiner Wörterbucht und quält sich leidenschaftlich mit einer „Ode an den himmlischen Äther, Fluidum des Glücks“ ab. Da tritt federnd, in weißem Smoking und mit schwarzem Zylinder, der Chef ins Kontor. Er ist Milliardär und hat das Seminar„Innerbetriebliche Kommunikation in flachen Hierarchien“ nicht belegt. Hat er ja nicht nötig, der Herr!

Dem schüchternen Subjekt und Sensibelius, wo einst ein berühmter Dichter werden und sogar den Nobelpreis ergattern wird, verbietet die fiese Führungspersönlichkeit in dieser Schlüsselszene nun zunächst mal kategorisch, weitere Hoffnung in ein sich anbahnendes Liebestechtelmechtelchen mit seiner, des Bosses, blauäugig blondierter Tochter zu setzen. „Nicht mal planktonisch!“ brüllt der grobianische Herrenmensch, was nebenher nicht nur seinen Mangel an Herzenstakt, sondern auch seine schmachvolle Unbildung unterstreichen soll. Herzzerreissende und bedeutungsschwangere Musik von André Richelieu wird eingespielt. Weinende Geigen greinen geisterhaft geile Galanterien. Im weiteren, immer mehr eskalierenden Verlauf seiner unmäßigen Echauffierung entreißt Häuptling Weißer Smoking seinem schweißgebadeten Texteknecht das mit Herzblut geschriebene Odenbruchstück, schaut kurz höhnend schmiergrinsig darauf herab und dann fällt eben dieser besagte schauerliche Satz: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“

Der weitere Fortgang des Streifens interessiert mich eigentlich nicht mehr so sehr. Matthias Schweighöfers Odenbruch kommt irgendwie am Stadttheater von Detmold groß heraus und wird der literarische Überraschungserfolg des Jahres, der junge Dichter wird auf Debütantenbällen, Talentshops und Stalkshows herumgereicht, er kriegt die Tochter vom ehemaligen Chef, der sich nun natürlich verbittert und rumpelstilzchenmäßig irgendwohin beißt, alles wird blau, tief blau, schemenhaft schweben schweigende Mantelrochen und Degenhaie durchs Geflimmer, elektro-blubbernde Unterwassermusik brandet auf und…manno! Jetzt bin ich bei meinem eigenen Film eingeschlafen! Es ist halt schwer, mich kinematographisch zu fesseln.

Eine zusätzliche Würze erhält mein feierabendlicher Fernsehgenuß, vom periodischen Wegdriften mal abgesehen, dadurch, daß ich weder verkabelt bin noch eine Schüssel habe, mit anderen Worten, ich gehöre zu jenen Verdammten, die über DVBT gucken. Ich vergeß immer, was das heißt. Irgendwas Anglotechnisches, was dann aber trotzdem nicht funktioniert. Praktisch jedenfalls heißt DVBT, daß immer dann, wenn ein Tatort-Kriminalstück ausnahmsweise mal spannend wird, und das ist schon selten genug, das Bild einfriert und der attraktiven Hauptdarstellerin der Sprechton im seidentuchumschlungenen Halse stecken bleibt. Funklochbedingt schockgefrostet! Nun muß man wie ein würdeloser Deppenderwisch vom Sofa hochschießen, quer durch seine Gemächer zur Fensterbank rennen und die Zimmerantenne neu ausrichten, damit man hoffentlich gerade noch mitkriegt, wer jetzt Mörder war und wer der Kommissar. Man kommt sich echt vor wie in den späten 50ern, als die Fernsehpioniere noch, in karierten Romika-Puschen und Filzwesten, verzweifelt mit den Fäusten auf ihren konzertflügelgroßen TV-Apparaten herumhämmerten, um „das scheiß Gekrissel wegzukriegen“. Der frühe Herztod meines Vaters geht vermutlich nicht zuletzt auf das Konto solchen schlechten Fernsehempfangs. Zum Glück bin ich nicht, wie er einst, sportschauabhängig.

Wenn man früher vor dem Fernseher einschlief und dann wieder erwachte, war Testbild. So wusste man, es ist Schlafenszeit, und man schlüpfte erleichtert in seinen flanellenen Schlafanzug mit fröhlichem Bärchenmuster. Damit ist es vorbei. In der heutigen Zeit folgt rastlos Film auf Film, rund um die Uhr. Es sei denn, man hat DVBT.

Vom Verschwinden

23. April 2009
fototv1

Von der anderen Seite des Bildschirms aus gesehen

NICHT WISSEN, DASS MAN DUMM UND HÄSSSLICH IST…

Ich habe oft protestiert, wurde mal wieder der Gemeinplatz breitgetreten, das Fernsehen verblöde. Der dumme Stolz gewisser hochkultureller Herrenmenschen, die immer erwarten, daß man sofort schamrot in die Knie sinke, sobald sie lautstark verkünden: “ICH!  HABE!  NICHT MAL!  einen Fernseher!” wollte mir immer als Indiz dafür vorkommen, daß Dummheit nicht nur gern auf große Trommeln schlägt, sondern die eigene Armseligkeit auch mit Vergnügen als besondere Auszeichnung wertet. Was soll denn das? Behauptete ich auf der gleichen Festivität mit banausischem Hochmut: “Ich HABE nicht mal eine Brille!”, würde doch auch nicht gleich ein jeder glauben, ich sähe nur das Gute im Menschen! Ein TV-Gerät ist ein Werkzeug wie jedes andere. Es macht mich nicht verdächtig, eine Kettensäge zu besitzen, ein Psychologe wäre nur gefragt, wenn ich sie Tag und Nacht nicht mehr aus der Hand legte!

Daß Fernsehen keineswegs zwangsläufig zur Verkümmerung kognitiver Fähigkeiten führe, bezog ich jedoch, ohne lange zu überlegen, auf die Welt diesseits der Aquariumsscheibe. Was mit den putzigen Damen und Herren Zweidimensionalitäten jenseits der Bildschirmscheibe los ist, hm, das verdiente füglich gesonderte Untersuchungen. Wirkt meine Vermutung unbescheiden, daß auch Menschen, die jedem Tag “im Fernsehen” sind, gewissen Irrtümern unterliegen können? Mir will das nämlich so scheinen, ohne daß ich jetzt groß Namen nenne. Aufmerksamkeitssüchtige und Medien-Junkies, die glauben, sie müßten implodieren, wenn sich nicht fünfmal am Tag eine TV-Kamera auf sie richte, glauben oft, uns ginge es umgekehrt ähnlich, dergestalt, daß wir des täglichen Anblicks ihrer Nasen nicht entraten und entbehren könnten. Das freilich, um es in aller Härte zu sagen, ist falsch. Ich zum Beispiel komme wochenlang bequem durchs Leben, ohne ein einziges Mal Herrn Guido “proud to be:” Westerwelle, Frau Elke Heidenreich, Küchenmeister Lafer, Lachkasper Gottschalk oder Oberklugscheißer Ranicki ansichtig zu werden. Sternchen, Stars und Stehgeiger sind mir schnuppe, und ob  ein in ganz Deutschland gesuchter Superstar nun von “XY ungelöst” oder durch Mobbing-Agenturen gefunden wird, was verschlägts?

Ich habe gar nichts dagegen, wenn “auf dem Schirm” gelegentlich Leute auftauchen, die z. B. irgendwas gut können: Kunstfurzer, Schnurrenerzähler, Fingerpfeifer, Politikerimitatoren, Schelme, Narren, Spaßmacher, Spielleute, Zwerge und fahrendes Volk aller Art mag seine Allotria treiben, es darf meinetwegen nach Herzenslust gefußballert, hobbygeköchelt und karaokisiert werden, was die Studios hergeben, wenn, ja wenn nur all die dort Auftauchenden nicht immer das Auch-wieder-Verschwinden vergäßen!

Wie enervierende Kinder, die, weil beim ersten Mal die Erwachsenen darüber gelacht haben, immer denselben Unfug zum allgemeinen Ennui ad infinitum wiederholen, glauben manche Quoten-Idioten, wir könnten ihrer prinzipiell nicht überdrüssig werden. 

Da sind sie aber schwer auf dem Holzweg! Die Backpfeifengesichter der allermeisten Politik-Schlingel, Pappenheimer und Erzschelme kenne ich zur genüge. Auf lange Sicht muß man mir keinen Franz-Werner Steinbeißer, keinen  Hotte Köhler oder Bundesmutti Merkel mehr zeigen! (Erst, wenn die wieder so ein Mörder-Dekolletée spazierenführt, wie neulich mal irgendwo!) Auch nicht diesen neuen smarten Gel-Heini da, mit den zig Vornamen, diesen Hadschi Halef Omar von und zu Guttemberg, auch dessen Fresse nämlich ennuiert mich kolossal! So. Das mußte auch mal gesagt werden. Möge doch das gesamte Pack und Gesindel getrost mal einen Ausflug machen und für ein gut abgehangenes Weilchen einfach fort und gestohlen bleiben! Und man nehme dieses elende Geschmeiß der Comedians, Affen und Zotenreisser gleich mit, das dominante Quietscheentchen Heidi Klump und ihre Super-Moppel auch sowie freundlicherweise diesen eklen alten Bohlen, der mir desgleichen herzlich zuwider ist! 

Was für eine Stille wär dann, eitel Kontemplation und ruhige Naturbetrachtung! Haach! Und wäre dann die Besinnung, wie Heinrich von Kleist mutmaßte, durch ein Unendliches gegangen, stellte sich auch die Anmut wieder ein und es fände sich eine Hintertür zum Paradies, vor der kein grimmer Cherub wachte! Auf die Gefahr, als ungebetener Missionar in die Nerv-Ecke gestellt oder auf die Quengel-Strafbank gesetzt zu werden, komme ich hier noch mal mit meinem Taoismus an, den ich, wenn schon, als Staatsreligion wärmstens empfehlen würde. Der ehrwürdige Meister Yoshida Kenkô nämlich schrieb folgendes:

“Nicht wissen, daß man häßlich, daß man dumm ist, daß man in den Künsten nur pfuscht, vergessen, daß man von niederem Stande, daß man alt und allen Krankheiten hilflos preisgegeben ist, sich nicht darum kümmern, daß der Tod schon ganz nahe vor einem steht, und trotzdem nicht merken, daß das eigene Streben nach Buddhas Pfad höchst oberflächlich ist – wer in solcher Weise seine Schwächen nicht erkannt hat, wie soll der das würdigen können, was andere an ihm auszusetzen haben? 

Wie das Gesicht aussieht, vermag man natürlich im Spiegel zu erkennen, wie alt man ist, läßt sich errechnen, es ist also nicht so, daß man von sich nichts wissen kann… Ich will damit keinem nahelegen, der möge sein Gesicht verschönern und sich jünger machen, aber weshalb zieht sich so einer nicht zurück, wenn er weiß, daß er zu nichts mehr taugt? Warum sucht er nicht für seinen Körper Stille und Frieden, wenn er fühlt, wie alt er geworden ist?”

Ja, warum?  – Ich fände es schön, wenn man, wenn das zugemessene Alter erreicht ist, immer dünner, durchsichtiger, geruchloser und sublimer würde, erst wie ein Hologramm, dann wie eine Spiegelung und schließlich wie ein Gerücht, das keiner mehr wirklich glaubt und das sich verflüchtigt in die Träume einiger weniger Menschen, deren Herz man einmal berührt hat. Und mehr nicht? Nein – warum?

foto-134

Verschwinden üben!

Das Leben: Tulp Fiction

9. April 2009
img

Die digitale Tulpenmamsell: Nein danke!

Das Leben: Bloß Tulp Fiction

 Pssst, mal eben! Es klingelt an der Haustür! Wer mag das sein? Zeugen Jehovas auf mission impossible? Strenge GEZ-Kontrolleure? Der Kabelfirma verwahrloste Brut? Mais non! Weit daneben! Es ist das Leben, das Leben selbst, das pure, pralle, lächelnde, ja ungescheut breit lachende Leben! – Aber der Reihe nach: Zunächst drängt sich mir in Brusthöhe ein üppiger, farbenstrotzender, brutalst frühlingshafter, tabulos sich vorwölbender Tulpenstrauß entgegen, ein Strauß mit Körbchengröße „D“ sozusagen. Wie das prangt, prunkt und rundum punktet! Ist sich der Königin des Blumens: die Tulipane! Wofür dereinst der barocke Pfeffersack-Niederländer im Wahn sich heillos verspekulierte, duellierte und zu Grund ruinierte, des Zwiebels Kern, des Türken-Sultans geile Lieblingsblüte, duftlos zwar, aber multi-bunt und so exotisch muselmanisch wie sonst nur Harem, Hamam und Honigkuchen. Hach, die Tulpe! Tulpe aus Amsterdam! Hier steht sie stramm wie Süleyman der Prächtige vor Wien, dräuend und lockend, in Kompaniestärke, Stücker fuffzich Mann Tulipan, in rot und gelb und weiß und pink und lachs und aubergine und weißnichtwas, halt wie der Schnabel gewachsen ist, ein Durcheinander wie auf der Hochzeit von Osman und Christoph, es beißt sich ein bißchen, aber egal, es ist die natürlichste Sache der Welt, da strotzt und protzt halt der von den osmanischen Hormonellen stammende Tulpenstrauß gern vor symbolischer Lebensfreude, verheißener Neuerwachung von Sexualität, saturnalischem Gezuppel und sittenlosem Sonnenhunger!

Doch der Strauß ist nicht allein gekommen! Da schau mal an, was hamwer denn da noch? Einen Hasen? Ein Häschen? Ein Mäuschen? Abermals: au contraire! Merhaba, schöne Mamelucken-Maid, hos geldiniz, Fräulein  Tulpenmamsell! Sie krönt der Tulpen Chor mit einem augensprengend weißen, zahnspangen-trainierten, strahlenden Lächeln, einem herzlichen, herzensguten Lachen sogar, das man, da von einer jungen (ca. 28) Dame vorgetragen, als entwaffnend empfinden könnte. Honigblond ist sie, wie ich’s leiden mag, mit heutigentags modernen, vollkommen natürlich wirkenden Strähnchen, aber keineswegs klebrig, sondern frisch, innovativ, angesagt, ja  beinahe frühblüherhaft-knackigfrisch entwaffnet mich die in ein violettes Hemdblusenkleid kleidsam eingehüllte Besucherin mit ihrem tulpig blumigen Flair. Duftet sie? Ist sie vielleicht sogar eine Spur sexy? Man ahnt so manches. Stille Wasser, und so weiter. Obwohl, still ist sie gar nicht! „Lassen Sie das Leben rein!“ brüllt sie mir jugendlich nonchalant, aber doch respektvoll entgegen. Immerhin duzen wir uns noch nicht! Soll ich sie hereinbitten? Wie verhält man sich leger, cool, aber korrekt, wenn es klingelt und das Leben steht in Form eines trächtigen, also Tulpenstrauß tragenden Blumenmädchens vor der Tür?

Normalerweise würde ich entgegnen: „Da muß ich erstmal meine Frau fragen“. Bei aller in sturmgezausten Ehejahren erworbener Toleranz, ich weiß nicht, ob die Gattin, aus den von ihr streitbar eroberten Männerdomänen heimkehrend, mich gern bei einem rokoko-haft verspielten Schäferstündchen mit einem Tulpenmädchen ertappen möchte. Wie ich die Gattin kenne, dränge mir zumindest ein scharf missbilligender Blick ins Gebein! Anderseits: – das Leben!

Wie lange warte ich schon darauf, daß das richtige Leben beginnt! Erst dachte ich, es kommt nach dem Abitur, oder mit dem ersten Sex, wenigstens nach Scheidung der ersten Ehen, nach Absolvierung der Midlife-Crisis jedenfalls, oder doch zumindest, wenn die Kinder aus dem Haus sind! Das Leben! Und jetzt, wo es mit einem Blumenstrauß auftaucht, um sich zu entschuldigen, daß es mich rund 50 Jahre hat warten lassen, soll ich ihm die Tür vor dem entzückenden Näschen zuschlagen? Außerdem, ich bin doch noch immer so neugierig auf das richtige Leben! Soll ich’s also „reinlassen“?

Wiederum aber: Ich bin mittlerweile abgebrüht genug, um nicht bei jedem jungen Weibe, das mir ungebeten ein Lächeln schenkt, gleich den Verstand zu verlieren. Schweißausbrüche, Herzrasen und weiche Knie reichen doch vollkommen! Und um die Wahrheit zu sagen: Bei allzu süß strahlenden Sex-Sirenen schau ich heute vorsichtshalber erstmal aufs … Kleingedruckte. Lebenserfahrung: Je hübscher das Fräulein, desto länger der Schwanz des Kleingedruckten, der Klauseln, Kautelen und Kasuistiken, der Sorgerechtsvorbehalte, Unterhaltsansprüche und Zugewinngemeinschaftsvereinbarungen. Vorsicht: Leben! Das Leben des amourösen Heroen (vgl. Casanova, Schürzenjäger, Womanizer) ist eines der teuersten. Also buchstabiere ich das Kleingedruckte und stürze mich ins eiskalte Blumenwasser der Ernüchterung: Das Leben, das ich „reinlassen“ soll, ist nicht etwa lauter Sex, Sinnlichkeit und Paarungslust, sondern vielmehr: „Internet + Telefon + Digital TV“! Oooch, Manno! Alles wieder nur Talmi, Trash und Tulp Fiction! Das „Leben“, pah! Kenn ich, hab ich, war ich schon! Besten Dank! Für „Internet + Telefon“ setz ich doch meine Ehe nicht aufs Spiel! Das Leben kann mich mal! Da geh ich lieber fernsehen, oder ruf mal wen an. Tut mir leid, liebreizende Amsterdamer Tulpendame! Leb, mit wem du willst – mit mir nicht! Mit mir nicht! Und: rummms! Tür zu. Mag es sich doch weinend von dannen schleichen, das sogenannte Leben!


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 72 Followern an