Zug um Zug: Umzug (Hegel und das Tao 2.0)


Home, sweet home…

Unter den philosophischen Großzauseln des 19. Jahrhunderts steht mir Hegel eigentlich am fernsten; gar zu monströs und abwegig erschien mir immer sein monumentales Weltgeistgebastel, trotz allem Respekt, – den ich aber freilich auch Menschen entgegenbringe, die in lebenslanger Hobby-Fron im Keller den Kölner Dom maßstabgerecht aus Streichhölzern zusammenleimen: eine grandiose Leistung, das ja, das schon, aber doch letzten Endes von geringem Nutzen für die Menschheit. – Was mir den schwäbischen Starkbierdenker trotz seiner bierernsten Humorlosigkeit dennoch ein wenig liebenswert macht, ist seine zutrauliche und freimütige, aber doch dezidierte Ablehnung der Alpen.

Der Anti-Romantiker fand sinn- und vernunftlos aufgehäufte Gebirge schlichtweg banal; bei einem Ausflug in die Berner Alpen notierte er vorbildlich herzenskühl: „Die Vernunft findet in dem Gedanken der Dauer dieser Berge oder in der Art der Erhabenheit, die man ihnen zuschreibt, nichts, das ihr imponiert, das ihr Staunen oder Bewunderung  abnötigte. Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die Vorstellung: es ist so.“ Das nenne ich mal konsequent und furchtlos gegen den Mainstream gedacht! Heilige Indolenz der Vernunft!

An den anti-alpinen Panlogisten  musste ich gerade denken, weil ich derzeit ohne Orientierung und nennenswerten Mundvorrat durch die Schluchten des Kartongebirges klabautere. König Ohneland muss nämlich sein Weltreich, in dem die Schreibtischsonne nicht untergeht, in eine ALDI-Tüte packen, bzw. in die Tüte kommen natürlich nur die Wertsachen, aberhunderte von Umzugskisten aber wollen mit Büchern befüllt werden. (Für unsere Kleinen: sog. „Bücher“ waren einstmals archaische, Gemütlichkeit und Wohnlichkeit stimulierende, Gelehrsamkeit simulierende, aber durchaus auch sperrige und in der Masse bleischwere Speichermedien aus der Goethe-Zeit; „Goethe“ indes nannte man so eine Art Sprachspielprogrammierer aus der Weimarer Puppenkiste; „Weimar“ wiederum ist … ach, ich hab keine Lust, das jetzt alles zu erklären, Mann!) Jedenfalls: totales Buddelschiff-Rätsel-Syndrom – ich frage mich, wie ich den ganzen Kram eigentlich je in mein winzig-karges Wohnbüro-Kloster bekommen und darin beherbergt habe, ohne selbst vor der Tür bleiben zu müssen.

Mein großes Tao-Buch, das wie immer nur allzu Recht hat, empfiehlt Männern meines fortgeschrittenen Alters, allen Besitz bis auf einen Wanderstab und eine Reisschale fort zu geben und in die Berge zu ziehen. Solche guten Ratschläge wurden allerdings zu einer Zeit ertüftelt, als man alles Wissenswerte noch mühelos im Kopf behalten konnte. Natürlich könnte der Wandermönch heute nebst Stab und Schale noch ein Notebook mitnehmen und den ganzen großen Lebensschamott in einer cloud parken – Tao 2.0, sozusagen. Aber dazu bin ich zu old school, und Berge, fällt mir grad ein, sind eh nichts für mich, da bin ich dann doch Hegelianer.

Außerdem stecke ich bis zum Hals in Wirklichkeit, in der Hegels Weltgeist-Dialektik gar nicht vorkommt; dafür Scheuerleisten-Probleme, Beleuchtungsangelegenheiten und diffizile Logistik-Wirrnisse. Dinge, die ich nicht studiert habe! Wirklichkeit ist wie alpine Gesteinsmassen: vernunftlos, blickdicht und doof positivistisch: „Es ist so…“, das ist noch das beste, was über sie zu sagen ist, freilich mit dem Zusatz: „…kann aber so nicht bleiben“.

 

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14 Kommentare - “Zug um Zug: Umzug (Hegel und das Tao 2.0)”

  1. /cbx Says:

    Ich hätte nicht gedacht, ausgerechnet dem Helgel einmal zustimmen zu müssen, aber Berge sind wirklich sowas von unpraktisch und hauptamtlich nur lästige energieverschleudernde Hindernisse, die der Sonne und dem Weitblick im Wege stehen sowie unkomfortable Wetterszenarien anziehen. Und glaube mir, ich weiß, wovon ich hier schreibe.

    Auch das Problem mit den Bücherbergen kann ich nur zu gut nachvollziehen – allerdings befinden sich rund 25% meiner ganz besonders uninteressanten (vorzugsweise Fach-)Bücher seit meinem letzten Umzug (2003) noch immer in ihren wohlig warmen Umzugssärgen.

    Derlei kann die Wohnraum/Regal Ratio deutlich zugunsten des Wohnraumes beeinflussen…

  2. Thomaus Says:

    Bezeichnenderweise findet Hegel in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie im Taoismus “im ganzen nichts weiter Belehrendes”. Im Gegensatz zu, beispielsweise, Canetti, der ihn die “Religion der Dichter” nennt. Sinologische Grüße aus HH!
    TC

    • 6kraska6 Says:

      In der Tat, Hegel war ein ungheurer Eurozentrist. Immerhin hat er die asiatische Philosophie überhaupt wahrgenommen…

      • Thomaus Says:

        Jein – es war damals ja praktisch nur aus Missionarsquellen etwas über das östliche Geistesleben bekannt – zumal dieses immer eine praktische Ausrichtung hat, was unseren Philosophen bis heute suspekt zu sein scheint. Und von östlicher “Philosophie” redet man allenfalls seit Anfang des 20.Jahrhunderts. Schlimmer noch: es gibt auch heute Wissenschaftler, die meinen, dass es Philospohie nur in der westlichen Welt gegeben hat. So vermisst man in mancher modernen Geschichte der Philospie ganze Kontinente. Sie sprechen in diesen Gefilden eher von “Denken” oder Religion.
        Eurozentrismus trifft auch hier nicht ganz zu, weil der Konfuzianismus gerade in Frankreich & Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts als das Sinnbild des aufgeklärten Staates galt – das französische Staatsgebilde hat Aspekte der konfuzianischen Staatspraxis übernommen. Herausragendstes Beispiel ist das Prüfungswesen, wo für die Hierachie der Beamtenlaufbahn Prüfungen über Prüfungen abgelegt werden müssen – das ist in Frankreich heute noch so, wie im chin. Kaiserreich vor 1919. Direkt von China abgeguckt.
        Die Tao-Mode begann etwa ab 1890 und erreichte ihren Höhepunkt um 1920-25, dann wieder in den 80erJahren.
        Grüße!
        TC


  3. Was ein Spaß!
    Wir sollten doch wirklich mal wieder umziehen.

    Ein feiner Kartong, den wir hier auspacken durften.
    mb und dm

    • Thomaus Says:

      ja mei, und eine nette Gelegenheit, meine seit mindestens 15 Jahren nicht mehr ausgepackte Magisterarbeit rauszukramen, um den Hegel nachzuschlagen (Das Tao-te Ching in Deutschland, Probleme der Rezeption eines chin. Klassikers in Deutschland).
      Danke für den Kartong!
      TC

      • 6kraska6 Says:

        Diese Arbeit tät mich interessieren! Ist die digitalisiert und erhältlich? – Meine hieß übrigens “Ironie, Nihilismus und existentielle Langeweile” und ging über Büchner, Hegel u. a.

  4. Thomaus Says:

    Ja, das ist nicht die erste Anfrage dieser Art – sie ist in der Tat sogar unterhaltsam – jedenfalls für Leute, die sich mit deutscher Geistesgeschichte der letzten 200 Jahre befassen. Ich fürchte nur, dass ich die alte Diskette nicht mehr lesen oder gar finden kann. Mal sehen – ansonsten muss ich mal ein OCR machen – das letzte Exemplar verblasst auch schon etwas… Ich melde mich noch deswegen.
    Grüße!
    TC

  5. Thomaus Says:

    – sie ist in der Tat sogar unterhaltsam – meint natürlich die Arbeit, nicht die Anfrage…

  6. rotewelt Says:

    Es gibt ja diese Ratschläge, Kisten, die man ein Jahr lang nicht ausgepackt hat, samt Inhalt zu entsorgen…
    Vor jedem Umzug, vor allem wenn ich mich verkleinere, miste ich aus, auch Bücher, schweren Herzens (warum bloß?)
    Ich kenne jemanden, der jedes Buch nach dem Lesen verschenkt oder in ein Antiquariat gibt und mittlerweile freunde ich mich auch mit dem Gedanken an. Sehr sehr selten habe ich mal ein Buch ein zweites Mal gelesen. Im Grunde behält man seine Büchermeter doch nur, um sich und anderen zu demonstrieren, dass man der (Lese)Kultur zugeneigt ist. Und/oder weil man Angst hat, mit dem Weggeben ein Stück individueller Geschichte zu verlieren. Oder?

  7. Thomaus Says:

    Bücher sind Lebensmittel. Manche wachsen einem ans Herz, manche werden ‘verbaucht’ – die kann man dann auch weggeben, und manche sind Nachschlagewerke, die überhaupt nicht ausgemistet werden. So läufts bei mir.

  8. Lakritze Says:

    Wer hatte noch gleich die Idee, Umzüge zu erleichtern, indem man auf Mobiliar verzichtet, stattdessen Bücher zweckentfremdet und als Tisch, Bettstatt und Sitzgelegenheit nutzt? (Wenn ich’s recht bedenke, stammt die Idee wahrscheinlich aus einem Buch.)

    Und daß Hegel die Alpen doof fand, wußte ich nicht; ich hätte sie mit ganz anderen Augen betrachtet …

  9. Thomaus Says:

    komme grad’ aus den doofen Alpen – war herrlich!
    wg. Scan der Arbeit bitte per PN eine Mail-adresse mitteilen – kann zwar noch ein wenig dauern, aber dann habe ich alles zusammen. Grüße!
    TC


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