An Old Fart’s Blues


Es perlt

Na, mal wieder Monsum-Zeit im Zwergenwald. Zartgrau rauchtaubenblaue, total verperlte Dämmerstunden in der Nasszelle, zähflüssig wie Rübenkraut auf warmer Margarine. Gehört das denn auch zum sogenannten Leben? In der Schlafwandergruppe: Die junge Zukunftshoffnung am Nebentisch (mademoiselle donneuse la leçons), monopologisiert wie der Dauerregen und redet dabei wie eine Nähmaschine. Monotones Surren, Sticheln, Nadeln. Kommunikativer Kollateralschaden: Singert und pfafft mir Mund und Ohren zu, mit staubgrauem Zwirn. Nerven nadelstreifendünn und fadenscheinig. Dr. Kimble ertappt sich bei Gedankenflucht, dergestalt, dass er sich fragt, was er in dem klebrigen Hier und Jetzt eigentlich ist, macht und soll, was logisch dann freischwimmend schließlich zu funeral-fundamentalen Gedanken über den Tod überleitet und abschweift, oder auch, beispielsweise, warum nicht, zu Gott. Agnostiker mit Stil gedenken durchaus gelegentlich des HErrn, wenn auch nur schüchtern aus den Augenwinkeln schmollend (plus Flunsch wegen andauernder Offenbarungsknappheit).

Obwohl solch metaphysikverliebtes Denken ja selbstredend auch schnell an seine natürlichen, von Immanuel Kant straff gescheitelten Grenzen stößt: Im Grunde geht es bloß um die Frage, wie man es vermeidet, in einem deutschen, beige-grün karierten Pflegeheim zu landen, in dem das Leben unzumutbar und der Tod unerschwinglich ist. Wenn man schon sterben muss, dann bitte nicht im Stuhlkreis mit anderen Demenz-Exzellenzen, besinnungslos in die Hände klatschend und mit einem einfältigen Kinderlied im zahnlosen Mümmelmund. Durch welche Schuld hat man es eigentlich verdient, alt zu werden?

Der neue bundesdeutsche Gesundheitsreport fällt mir da ein, die jüngste Offenbarung des Hippokrates: Die vier apokalyptischen Reiter, Adipositas, Hypertonias, Osteoporosis und der grimme Demenzius auf dem fahlen Pferd, fahren hin über und gegen die Deutschen, auf dass sie diese verderben und definitiv zuschanden reiten. Ach, das Gezwitscher der Ärzte! Und was empfehlen überraschenderweise diese sogenannten, selbsternannten und erzverdammten Ärzte? – Bewegung! Mehr fällt dem Mediziner-Gesindel nicht ein. Ich freu mich schon auf die erste Dementen-Olympiade (paralytic olympics), Diszplinen: Ausbruch aus dem Heim, Hürdenlauf zum alten Zuhause, Verwandten-Erinnern mit Hindernissen. Künftige Medizinhistoriker werden unsere Epoche als die Ära des abgeschmackten Wahns identifizieren, in der „Bewegung“ das definitive Universalremedium für alle Gebresten gefunden zu haben.

Wer glaubt, das Alter, der angeblich schwer eisweingoldene Herbst des doofen Daseins, winke wenigstens, als Trostpreis für Impotenz, Inkontinenz und Indolenz, mit wachsender Toleranz und Gelassenheit, den muss ich enttäuschen. Ihr verwechselt Toleranz mit Resignation und Schwäche. Vitale Senioren erkennt man daran, dass sie an rein gar nichts mehr glauben und ihnen außerdem immer mehr Leute immer verschärfter auf die Nerven gehen. Toleranz heißt bloß, dass man, wie ich, die Zwille in den Schrank hängt und Passanten nicht mehr mit getrockneten Kichererbsen beschießt, sondern es dabei belässt, ihnen trocken hinterzukichern. Mögen sie denken, dieser Kicherer sei der Tod. Vielleicht bewegen sie sich dann ein bisschen, und zwar gerne erstmal aus meinem Blickfeld.

Aber gut, mal angenommen: Wir bescheuerten Fitness-Idioten, allesamt ausgemergelte Bewegungsmelder mit Bundessportabzeichen in ihren goldenen Neunzigern, sitzen nun im Stuhlkreis. Wir sind, was das Schlimmste am Alter ist, in die Hände jüngerer Leute gefallen. Sie klatschen und singen mit uns und führen uns ihren Golden Retriever zu, Emma, eine ganz liebe! Mit zittrigen, arthritischen Händen betatschen wir das blonde Kind, Quatsch, Tier, und erinnern uns wieder. Zum Beispiel an unsere Ex-Frauen. Wollen wir das? Und haben wir dafür dankbar zu sein? Sind wir dafür geboren, so zu enden?

Schon gut, ich hör auf mit dem Schlechte-Laune-Funk. Man soll selbst den Realismus nicht übertreiben. Außerdem: Dauerregen im Juni, Schlafwandergruppe, Gespräche mit der Nähmaschine: Was soll da schon noch Arges kommen? Und jetzt ein Saxofon-Solo.

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13 Kommentare - “An Old Fart’s Blues”

  1. puzzle Sagt:

    das Ganze stelle ich mir von Tom Waits Stimme vorgetragen vor …

  2. Philipp Elph Sagt:

    Vitale Senioren erkennt man – sie machen das, was sie bei ihren Kindern versäumt haben: sie erziehen, alle, die ihnen in den Weg kommen. Der Fleischereifachverkäuferin erklären sie, wie Fleisch geschnitten wird. Beispiele auf Autobahnen, Schnellfahrer zu erziehen, geben sie links-langsam-fahrend täglich. Sie kämpfen für Gerechtigkeit, demonstrieren gegen Fluglärm!
    Und ich gehöre dazu!

  3. Vallartina Sagt:

    Mein lieber Jollie! Lieber schnell weg hier sonst krieg ich Angst vorm Alter!
    (Ist die Mlle donneuse la leçons Absicht?)

  4. oachkatz Sagt:

    Gut, dass vor meinem Fenster grünes Ulmenlaub vor strahlend blauem Himmel tanzt und goldne Sonnenlichtfleckchen auf den Schreibtisch zaubert. Sonst müsste ich direkt jetzt in Trübsinn verfallen.


  5. [...] An Old Fart’s Blues An Old Fart’s Blues: [...]


  6. [...] An Old Fart’s Blues:“Obwohl solch metaphysikverliebtes Denken ja selbstredend auch schnell an seine natürlichen, von Immanuel Kant straff gescheitelten Grenzen stößt: Im Grunde geht es bloß um die Frage, wie man es vermeidet, in einem deutschen, beige-grün karierten Pflegeheim zu landen, in dem das Leben unzumutbar und der Tod unerschwinglich ist. Wenn man schon sterben muss, dann bitte nicht im Stuhlkreis mit anderen Demenz-Exzellenzen.” [...]

  7. Alakr Sagt:

    Hallo,eines meiner schöneren Bilder.
    http://cdn.fotocommunity.com/images/Die-Elemente/Naturereignisse/Raindrops-on-window-a27877622.jpg

    Verwendung genehmigt,weil es so melancholisch klingt..
    Heitere Grüße von ALAKR


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