Archiv für September 2010

Protestsong mit Hähnchenbezug

29. September 2010

Farblich schon im Niedergang: Das altdeutsche Grill-Hähnchen (Fotoquelle: Wikipedia, Artikel "Grillhähnchen")

Ich wurde durch Liedgut sozialisiert, das man einstmals als „Protestsong“ bezeichnete. „Sag mir, wo die Hähnchen sind, wo sind sie ge-blie-hie-ben?“ – sang das nicht früher diese eine Dissidenten-Diseuse, Marlene Diva? Die Matrosen-Matrone Lale Andersen? Oder war es Joan Baez, die singende Sägeschliff-Sirene? Gleichviel. Ich wenigstens grölte den Protest lauthals und „aufs allerschärfste“ mit, denn irgendwann in den 80er oder 90ern, man weiß nicht recht, wie, verschwanden, Zugvögeln gleich, plötzlich die Grillhähnchen und Brathendl aus dem Fastfood-Angebot der Stadt, vergrämt wohl vom schnöden Öztürk-Döner. Abserviert, kalt gemacht, ausgeflogen, blown in the wind. Und dabei fraß doch ich junger Bursche dieses köstliche Knuspertier von der Stange, akkurat halbiert (das Hähnchen natürlich, nicht ich!) für mein Leben gern! (Appetitzügelnde TV-Berichte über Hühner-KZs waren noch unbekannt.)

Von kulinarischen Kultiviertheiten noch nicht kolonialisiert, hätte ich auf die Frage nach meiner Leibspeise daher ungescheut gekräht: „Einma halbet Hähnchen mit Pommes-Mayo für zum mit“! – Aah, deutsch-leitkulturelles, mördermäßig mittelalterliches, ja geradezu steinzeitliches, indes wahrhaft wollüstig-sinnliches  Schnell-Mahlzeit-Vergnügen: Auswickeln, auftischen, mit Chayenne-Pfeffer und Paprika nachwürzen und dann lustvoll-gierig, mit bloßen Fingern, fettigen Lippen und gefletschten Zähnen, dem Prachtvogel zu Leibe rücken! Kusperhaut knabbern, Flügelchen reißen, Schenkelchen beißen, Knöchelchen zutzeln, Zum Schluß zartes Brüstchen goutieren! Quel plaisir extraordinaire!

Als ich damals zur Erholung oder Erbauung (u.a. von maoistischen KPD/ML-Zellen) ins Ruhrgebiet verschickt wurde, gab es hier noch an jeder Ecke einen urdeutschen Imbiß, zum Beispiel den legendären, geradezu mythischen „Hähnchen-Hans“ in Duisburg-Althamborn, zu dem täglich klassenbewusste proletarische Pilgerströme aus der ganzen westlichen Region wallfahrteten, um geduldig für ein unglaublich schmackhaftes, durchaus schwer unschmächtiges, nahezu poulardenhaftes, außen knuspriges, innen saftiges Grillhähnchen anzustehen und sich mit demselben, zuzüglich einiger Portionen Flaschbier, dann den knochenhart erarbeiteten Feierabend zu krönen. Proletarisch-paradiesische Zeiten, das! – „But all good things come to an end“, wie ein anderes schönes Protest-Lied es zu Recht bittersüß beklagt.

Das gediegene Montan-Proletariat wurde zügig abgewickelt und struktursaniert, wodurch offenbar auch der Markt für dessen Ernährungsbasis kollabierte. Niederste Fremdenfreundlichkeitsinstinkte trieben das dumme Volk der Autochthonen fortan zu Pizza, Gyros und: Döner, Döner, Döner. Drehspieß killed the fried chicken star! Die ruhrdeutschen Gold- bzw. Kohlegräberstädte verödeten; Geier kreisten über den erloschenen Hoch- und Grill-Öfen, durch die öden Leerstandszonen rollten tumbleweeds und alles war vollgemacht von adipös verquollene Tauben, die sich gänzlich schamlos artwidrig die labbrigen Schabefleisch-Batzen aus nachgelassenen pappigen Brottaschen pickten, bis sie vor Übergewicht das Fliegen verlernten!

Jüngst hat indes in der aufgelassenen alten Serben-Spelunke „Novi Pazar“, inmitten der Döner-Hochburg Hochfeld, nun ein brandneuer Hähnchen-Grill eröffnet – mit türkischer Besatzung, türkischem Geld (nicht zu knapp, schätz ich) und, leider, türkischem KnowHow. Erst wollte mein nostalgisch befeuertes Seniorenherz ja jugendfrisch zu hüpfen beginnen, doch die Probe erwies, dieser Laden bestätigt bedauerlicherweise die Regel, von der er leider noch nicht mal  Ausnahme bildet: Das urdeutsche Handwerk des Hähnchen-Grillens bleibt ausgestorben. Definitiv & irreversibel.

Das Hendl war nicht etwa verlockend goldbronzen, sondern camouflage-fleckig dunkelbraun; statt, wie beworben, „knackig und saftig”, bloß vulgär fetttriefend und matschlastig. Es hüllte sich überdies auch nicht in begehrte köstliche Knusprigkeit, sondern in eine extrem betrübliche, abstoßende Art glitschigen, gebratenen Gummimantel, dessen ölige Geschmacksfreiheit man durch überreichliche Hyper-Salzung zu kaschieren suchte. Noch im tot gebratenen Zustand beklagte sich das arme Tier mit Recht über seine Herkunft aus einem industriellen Mastbetrieb.

Der Salatschmuck zur Beerdigung beschränkte sich auf ein lieblos und karg auf den Teller gepatschtes, unter allen Standards operierendes Gurken-und Tomatengefitzel, einen Schlag trübsinnig angesäuerten, unnatürlich blassgrünen Krauts plus einen Esslöffel Bohnen in einem obskuren Joghurt(?)dressing, von denen ich lieber die Finger ließ. Dazu ganz akzeptable, wenn auch mordsfettschwere Pommes mit Mayo, aber wegen der Pommes geh ich ja nicht in eine Hähnchenbraterei; dazu eine Cola (wie zum Hohn „light“), alles zusammen als „Menü 1“ für 4,50 Euro, was natürlich viel zu billig ist, um artgerecht gezüchtetes Geflügel zu bieten.

Der Service ist für eine Imbissbude überaus bemüht und freundlich, was aber die Sehnsuchtstränen über eine untergegangene Köstlichkeit nicht trocknen konnte – sie versalzten das Unglücksgeflügel eher noch zusätzlich, überflüssigerweise. –

Ich wage hier mithin die umstrittene Behauptung, dass der Multikulturalismus nicht in JEDEM Falle eine Bereicherung darstellt. Das leitkulturelle Wappentier der alten Bundesrepublik jedenfalls, das gegrillte Hendl, es kehrt wohl nimmermehr zurück. Wie’s Edgar Allen Poes Rabe („The Raven“) ausdrückt: „Never more, never more“.  Zu Ehren des ausgestorbenen Knusperhähnchens kippte ich, wieder zurück in der Geddo-Klause, gedanken- und magenschwer, einen doppelten Ouzo.

Dann stimmte ich einen Protestsong an: diesen hier.

Konsonantenfrühstück. Zahngold & Adapterschlammassel

26. September 2010

Braucht wer'n A?

Im Geddo werd ich, wenn meine türkischen Nachbarn vielleicht mal bitte für EINEN Moment den Rand halten würden, häufiger mit dem Serbischen konfrontiert, einer Sprache, die zu lernen ich bislang den Mut nicht aufbrachte. Daß der Balkan wirtschaftlich nicht in die Gänge kommt, liegt daran, schätz ich, daß die ihr ganzes Geld in die Aufhäufung von Konsonanten gesteckt haben! Einen geschlagenen Nachmittag verbrachte ich neulich im Café Lipa, um mir von einem Montenegriner, einem Mazedonier und zwei Serben die jeweils von ihnen für richtig gehaltene korrekte Aussprache des simplen Wortes für Rinderschinken („pršuto“) beibringen zu lassen. Hörte sich an wie ein Seminar für Asthmatisches Niesen!

Fairerweise muß man zugeben: Von den Migranten zu verlangen, sich mal gefälligst der deutschen Sprache zu befleißigen, ist ja nun auch nicht ohne! Heute hypnotisierte mich am Frühstückstisch (– immerhin auch schon ein Substantiv mit zwölf Konsonanten, bloß einem Vokal und zwei Umlauten!) ein anderes Wort, dass sogar volle zwanzig Konsonanten einsetzt, davon gleich achtmal „s“ und viermal „f“! Das gibt es, echt! – Das Wort bohrte sich bandwurmartig in mein Hirn, als ich mich die Gattin bitten hörte: „Frau, bringst du aus der Küche noch die … Flüssigkeitssüssstoffflasche mit?“ – Also, läse ich so ein Wort als Ausländer, dächte ich bei mir: Manno, ich glaub, ich versuchs erstmal mit Englisch!

Bei meinem Konsonantenfrühstück (Wortsalat-Delikatessenbrunch, 18 Konsonanten!) fiel mir Schlehmil ein, die Figur aus der Sesamstrasse (im Original: Lefty, the salesman), ein irgendwie schmieriger Schwarzhändler im langen schwarzen Mantel, der Ernie immer Buchstaben verkaufen will („Hey, du! Psst! Brauchst’n A?“). Zumeist handelte es sich um Gebrauchtbuchstaben zwielichtig zweifelhafter Herkunft.

Schlehmil resp. Lefty, the salesman, scheint sich, seit ein paar Jahren schon, bei uns am Rande des Geddos  niedergelassen zu haben. Hier betreibt er „Duisburgs erstes 2. Hand Kaufhaus“, das „ALLES“ verkauft und billig verscherbelt, „was gut ist und teuer war“. In der vollgestopften Räuberhöhle (ich bitte, das Wort rein metaphorisch zu nehmen!) türmt sich auf sich biegenden Regalböden tatsächlich so manches, für das irgendwer schon mal viel (oder, hihi, vielleicht ja auch gar kein) Geld ausgegeben hat: Luxus-Bikes, HiFi-Türme, Staubsauger, Bassgitarren, Telefonanlagen, Langspielplattensammlungen, Spielkonsolen, Kameras, Computerspiele, sowie das übliche (manchmal nicht unbedingt dazu passende) Zubehör an kollateralem Kabelsalat und Adapterschlammassel. Der Laden besitzt den Charme eines leicht verwahrlosten, außer Kontrolle geratenen Pfandleihhauses.

Als gläubiger Mensch (ich glaub unverbrüchlich an das Schlechte im Menschen) argwöhne ich immer, mit der Herkunft des Gebotenen könnte es sich in puncto Seriösität vielleicht verhalten wie mit Schlehmils geheimen Buchstabenladen, aber das wird ein Vorurteil sein, denn das Geschäft erfreut sich einer über die Jahre stabilen und offenbar einwandfrei legalen Existenz. Ich selbst habe bislang hier zwar noch nichts ge- oder verkauft, wurde aber bei subtil verwickelten Akku-Ladegerät-Anschlußkabel-Spezial-Buchsen-Problemen freundlich und kompetent beraten. Der Konsument, dessen Konsumwunsch wider Erwarten unbefriedigt bleibt (weil die gewünschten Buchstaben, etwa XY, gerade ungelöst, quatsch, nicht vorrätig sind) und der auch gerade kein Zahn- oder Bruchgold (was ist das eigentlich? Gold aus’nem Bruch?) zu Markte tragen möchte, erfreut sich dann aber vielleicht an der erwägenswerten Möglichkeit, sich im Hinterzimmer des Kaufhauses ungemein preiswert ein schönes Tattoo oder ein Piercing aus Zahngold verpassen, oder, wie das Plakat lockt, wahlweise ein Nasen- oder Ohrloch „schießen“ zu lassen. – Psst! Hey du! Brauchst’n Nasenloch?

In Muttis Nippeshimmel

24. September 2010

Im "Geddo" noch präsent: der Nippes-Himmel

Ohne existentiell düstere Laune verbreiten zu wollen – ich beneide ja die hinterbliebenen Leute nicht, wenn ich mal plötzlich unerwartet und todsicher „auf tragische Weise“ zu früh tot, pardauz und zuschanden ginge. Wie ich mich kenne, kommt Gevatter Tod zu mir nämlich irgendwann so überhastet, dass ich „vorher“ nicht mehr zum Aufräumen gekommen bin! – So, nun stehen besagte Erben, von meinem Hinscheiden eh schon genervt und in ihrem Alltagstrott gestört, fassungslos in meinem halb-klandestinen Wohnschlafbüro im „Geddo“ („Gott! Was trieb der denn hier bloß!“), lassen den Blick über hochstapelnde Bücherberge, undurchsichtig heterogene Papierhalden (Pizza-Bestell-Service-Flyer, Nietzsche-Auszüge, Einkaufszettel, inhaltsleere Verpackungen, Schopenhauer-Porträts und Gebrauchsanweisungen etc.), ferner längst ausgelöffelte Ölsardinen-Büchsen und vor langer Zeit schon ausgetrunkenes, noch nicht eingelöstes Leergut schweifen (so weit dass auf 55qm geht) und murmeln unisono: „Ach du Scheiße!“ – Es gibt, wie ich vom Hinscheiden meiner verehrten Frau Mutter weiß, kaum etwas Deprimierenderes, als den versammelten Lebensschrott eines mehr oder minder ja doch geliebten „Nächsten“ entsorgen zu müssen. Weil aufheben kann den Müll doch keiner!

Wer in meinem Nachlaß zu wühlen hätte, tut mir jetzt schon leid! Der einzige Vorteil am Dasein eines veritabel berühmten Schriftstellers ist, daß man seinen aufgehäuften Schatz resp. Schrott noch zu Lebzeiten dem Marburger Literatur-Archiv vermachen und dafür sogar auch noch Kohle abgreifen könnte. Als hingegen lebenslang vollkommene Unberühmtheit genießender privater Kleinkunstgärtner besitze ich indes leider keinen Nachlaß, auf den sich begierig Germanisten-im-Hauptstudium stürzen würden, um angemessen ergriffen über meine hinterlassenen Einkaufszettel zu promovieren: Angewidert müsste man sich vielmehr durch Berge wirren Geschreibsels, kompromittierender Fotos und abstoßend schweinischer Videos („nur zu Studienzwecken!“) kämpfen; man verletzte sich an unbekannten, aber durchaus tödlichen japanischen Waffen, überflöge Papierfetzen mit obskurer Zen-Lyrik, entzifferte kryptische Philosopheme („Der Übermensch wäre letztlich auch bloß ein Arschloch!“) und durchstöberte Konvolute von auf Haftnotizzetteln gekritzelter Selbstermahnungen („Ab Morgen unbedingt weniger trinken!“, „Idiot! Auf Droge schreibst du auch nicht besser!“, „Mal endlich Müll runterbringen!“, „Morgen kommt die Putzfrau! Saubermachen!“), so daß man es bald satt hätte und den kompletten Schamott herzlos in einen Container schaufeln würde. Sic transit gloria mundi!

Während meine präsumtiven Hinterlassenschaften den schon zu Lebzeiten umgehenden Zweifel an meinem Charakter bestärkten, bestätigte dereinst die Besichtigung der Wohnung meiner verstorbenen Mutter (Ihr Gott habe sie selig!) unsere Ahnung, daß unsere bereits früh verwitwete, deshalb um so langlebigere Mama im Alter einer einzigen, zwar lässlichen, aber doch auch verschärft lästigen Leidenschaft frönte: der sorgfältigen, zuletzt aber auch manischen Akkumulation von Nippes. Und zwar, konkreter: Nippes, Nippes, Nippes! Sowie das ganze zum Quadrat!

Von einer ziemlich irren metaphysischen Panik getrieben, ertrug sie keinen Quadratzentimeter leerer Wand: Niedlichkeitsvortäuschende, neckische Setzkästlein mit dekorativen Miniatur-Dingelchen, verstaubte Strohblumenkränze, stumpf gewordene Zinnteller, Porzellan-Harlekine, herzige Engelsköpfe, semi-künstlerische Schmuckkacheln, dito Aquarelle, profane Paris-Reise-Souveniers, privat-familiäres Andenkenzeug, unerfindliche Memorabilien, Duft-Kerzchen, Schmuck-Väschen, Deko-Flakons, Duftbeutelchen, Kinderfotos, Kalenderspruchkalender, Kruzifixe (die karge, immer an Barlach erinnernde protestantische Art), Pinnwände mit Halskettchen und Ringelchen, Mokka-Sammeltassen, Ansichtskarten, gestickte Kopien von Dürers betenden Händen oder Hasen, in Kunststoffholz gerahmte fromme Sprüche, Kochrezepte und Geburtstagsgrüße etc. etc.  verwandelten ihre Witwen-Klause in ein stickiges Dickicht bzw. Horrorkabinett eminent überbordender Vollgestopftheit.

Auch wir pietätvollen Kinder  nahmen am Ende erschöpft Zuflucht zum Container-Dienst. Es war einfach zuviel des desaströs kitschigen, wertlosen Deko-Geraffels! Wer hält solche Ding-Flut denn aus! Auch nicht gerade aufbauend ist es übrigens, bei dieser Gelegenheit mit Kram konfrontiert zu werden, den man noch aus der Kindheit kannte, aber mittlerweile für die Ausgeburt ödipaler Alpträume gehalten hatte: Genau DIE beknackten Zuckerdöschen, Kuchengabeln, Cocktail-Spieße, Portwein-Schalen und Zierlöffel, die den verzweifelt undurchsichtigen, psychoanalytisch hochinteressanten Horror der Kindheit möblierten, existieren immer noch, und zwar ganz real, materiell und jeder Vergänglichkeit trotzend! Muttis hats aufgehoben! –  Weg damit jetzt, endlich!

Vor diesem Hintergrund wird es zum nahezu psychedelischen, quasi-traumatischen Erlebnis, einen Laden zu betreten oder, in meinem Fall, als Elefant im Porzellanladen, mich zaghaft hinein zu winden, der zentner- oder auch tonnenweise EXAKT DAS auf augentränend üppiger Halde feilbietet, was wir kürzlich erst mit schier übermenschlicher Mühe losgeworden sind:  Hier ist stolz der gesammelte Sammeltassen-Sammelsuriums-Salat der 40er, 50er, 60er und teilweise 70er Jahre aufgehäuft: als Muttis Traum vom Nippes-Himmel! Püppchen, Porzellan-Pudel, Parade-Paravents, Persil-Reklame-Tafeln, Fächel-Fächer, verschrobene Schraubenzieher, Nagelfeilen, Nähmaschinen-Reparatur-Sets, Patentkochtöpfe, Zigaretten-Etuis, Kämme, Armbänder, Abfluß-Siphons, Wasser-Hähne, Taschenbücher von Bertelsmann,  Army-Jacken, Clowns-Masken und Freddy-Quinn-Vinylschallplatten-Singles; wer Photo-Kameras aus den 30ern braucht, süßliche Terrakotta-Engel oder Kerzenständer aus lackiertem Messingholz, Pantoffel-Puschen im Orientdesign, mit Rosenplüsch bestickte Warmhalte-Kaffeekannen-Mützen oder gehäkelte Eier-Wärmer – alavotte! „Sehen Sie sich gerne um! Was SUCHEN Sie denn?“.

Ich suchte… – vorerst das Weite. Und dennoch, ohne daß ich einen Grund dafür benennen könnte: Daß es solche verborgenen, sich in der Tiefe eines unübersichtlichen, funzlig-duster beleuchteten  Raumes erstreckenden, wirren Trödel-Bazare überhaupt noch gibt, erfüllte mich mit Befriedigung, ja, gedämpfter Begeisterung. Wer dort in zwanzig Jahren versehentlich auf Kraskas Nachlaß stößt, darf ihn behalten! Komplett alles zusammen, inkl. der Fotos, für fünf Euro!

Profis immer gesucht. Milch und Schmetterlinge

22. September 2010

Einer muß es ja machen: Profikiller Clooney (Foto: Filmfirma)

Ich kokettiere gern damit, die Welt aus dem Fernsehen zu kennen. Das stimmt natürlich nicht. Manches kenn ich auch aus dem Kino. Beispielsweise das Berufsbild des Auftragskillers, der mir in der wirklichen Welt bislang selten begegnete. Der Auftragskiller ist ein Mann Mitte Vierzig, auffallend unrasiert und stark melancholisch zerknittert. Seine Stirn ist von ständigem, berufsbedingtem Gerunzeltwerden schon ganz zerfurcht. Deswegen wird er gern von sympathisch gebrochenen  Männlichkeitsdarstellern wie Jean Reno oder Georges Clooney gespielt. Sein Beruf scheint „den Profi“ immer sehr traurig zu machen. Er macht aber trotzdem allmorgendlich Sit-Ups, um in Form zu bleiben; er ist ein sog. einsamer Wolf, weil seine Ehefrauen entweder tot sind oder kein Verständnis für die besonderen beruflichen Anspannungen des Killers besitzen. Trotzdem laufen ihm Frauen aller Altersklassen ständig hinterher. Das liegt an seiner schweigsamen, ungemein sexy wirkenden Melancholie. Er bringt eigentlich gar nicht gerne Menschen um, aber einer muß es ja machen. Der Auftragskiller ist mit allen Wassern gewaschen, stets hochgradig misstrauisch und wachsam, was ratsam ist, denn man trachtet auch ihm nach dem Leben. Das findet der Killer natürlich nicht so gut.

Der sympathische Profi versucht, stets einen Schritt schlauer zu sein als seine Gegner; deshalb guckt er immer betont argwöhnisch in die Kamera. Zur Vorsicht trägt er Sonnenbrille, auch nachts. Frauen behandelt er mit der gleichen professionell-zärtlichen Sorgfalt, wie seine in einem Koffer aufbewahrten speziellen High-Tec-Handfeuerwaffen. Die Damenwelt dankt es ihm schmunzelnd oder elegisch, je nach dem, ob „sie bescheid weiß“. Selbst wenn die beteiligten Damen über intellektuelle und pyro-technisch-ballistische Fertigkeiten verfügen, versäumen sie es selten, zusätzlich große Brüste zu haben. Man kann ja nie wissen. Der Auftragsmörder ist indessen sexuell reizresistent oder vollzieht den allfällig unvermeidbaren Geschlechtsakt mit höflich-distanzierter, angemessen melancholischer Beiläufigkeit, während die Damen hemmungslos stöhnen angesichts so überstarker, geradezu unwiderstehlicher  Männlichkeit.

Der Killer, wenn er nicht grad seinem traurigen Job nachgeht, liebt übrigens, um seine Sympathiewerte zu erhöhen, wahlweise italienische Opern, Milch, alte Bücher oder Schmetterlinge. Das ist seine weibliche Seite. Man merkt: Der Killer „ist gar nicht so“. Das lässt ihn vorteilhafter erscheinen. Zwar bringt er gelegentlich Fieslinge um, aber er tut  es im Prinzip widerwillig, und nur, um seiner zartfühlenden Schmetterlingsleidenschaft zu frönen. Schmetterlinge erinnern ihn an seine zu Unrecht verstorbene Frau. Wir verstehen und billigen das.

Am Ende wird der tragische Killer-Held meistens erschossen. Dass ist schade, aber unvermeidlich. Um uns harmoniesüchtige Zuschauer zu versöhnen, rettet er mit seinem zwar traurigen, aber irgendwo auch gerechten Tod irgendeine junge schöne Dame. Die lebt dann, und wird ihren Retter nie vergessen.

Obwohl ich mich den Reizen 12-jähriger Mädchen („Leon“) oder denen italienisch-rassiger erwachsener Italienerinnen („Der Amerikaner“) vielleicht ebenfalls schwer entziehen könnte, wäre das Berufsbild des Auftragskillers nichts für mich. Ich bin definitiv zu hibbelig dafür. – Ich frage mich aber, wo kriegt man eigentlich eine solche Fachkraft her, wenn man sie braucht? Ich gestehe öffentlich, es gibt da zwei, drei Persönlichkeiten des Öffentlichen Lebens, für die ich gern einen Auftragskiller engagieren würde. Nur – woher die nehmen? Wie KOMMT man eigentlich an solche coolen Profis?

Geh ich völlig fehl, wenn ich glaube, das geht nicht über öffentliche Kleinanzeigen? Über die Kleinanzeigen des Anzeigenblättchens bekommt man sonst fast alles: Albanische Putzfrauen, polnische Altenpflegerinnen, kossovarische Hilfskräfte. Aber gnadenlose ukrainische Contract-Killer? Ich zweifle. „Benötige professionell ausgebildete, möglichst melancholische Auftragskiller-Hilfskraft zwecks geräuschloser Beseitigung meines Chefs“ –  diese Kleinanzeige würde im Anzeigenblatt nie Abdruck, Unterschlupf oder Gehör finden. Die einsamen Wölfe, die ich aus dem Kino kenne, nehmen die Sache selbst in die Hand. Ich aber zweifle an der Dienstleistungsgesellschaft: Muß man denn ALLES selber machen? Also, im Kino ist das einfacher!

Dort läuft gerade der Abspann, übrigens vom berüchtigten Auftrags-Kitschier Herbert Grönemeyer komponiert. A-moll, E-moll, D-Moll oder so. Thrilling! Man stirbt, letztlich, am Klischee. „It is a sad and beautiful world!“

Müssen sollen kann ich nicht

21. September 2010

Von der Sonne des Erfolgs beschienen: Kraska prokrastiniert wieder mal

Ungern langweile ich mit larmoyanten Wartezimmergeschichten. Ein jeder hat sein Päckchen zu tragen, und ab fünfzig werden es wöchentlich mehr Sorgenpakete, Beschwerden-Eimer, medizinische Nervmüllsäcke, die man mit sich herum schleppt. Ist normal. Die Freuden des Alters. Ich les schon gar keine medizinischen Artikel mehr, weil ich die beschriebene, u. U. gerade neu erfundene Krankheit sofort auch kriege! – Dennoch, eine der mich bedrängenden, und immer virulenter wirksamen Psycho-Macken, unter denen ich echt leide, ist evtl. doch von allgemeinem Interesse. Einem rentengestütztem Freiberufler sollte man dieses Leiden gar nicht zutrauen, aber es ist so: Ich leide, schon von Kindesbeinen an, mit geschwollenen Rentnerbeinen aber erst recht und mehr und mehr, unter einem hypertrophierten Freiheitsdurst.

Wie sich das auswirkt? Ich mag nichts mehr müssen! Mit dem Sollen steh ich auf to-ta-lem Kriegsfuß! Sobald ich irgendetwas, egal was, „muß“, blockiere ich praktisch komplett. Verfalle in Katatonie. Prokrastiniere wie ein Voll-Spasti. Werde streng riechend chaotischer Zeit-Messi. Krieg also nichts gebacken, Null. Beim Schreiben zum Beispiel: Mir fällt nur etwas ein, wenn ich eigentlich etwas ganz anderes, Wichtigeres, pflichtgemäß zu erfüllen oder zu erledigen hätte. Dann perlen die Gedankengirlanden, die champagniösen Assoziationsketten, dann hagelt es, wenn das denn ginge, Gedankenblitze noch und noch.  Kraska in Hochform! Die Quatsch-Kommode pfeift aus allen Löchern! Nur, nebbich: Ich bin gut nur in Sachen, die ich eigentlich, zumindest jetzt, nicht darf!

Das ist die eigentliche und ehrliche Antwort auf die Frage, warum ich mein bescheidenes Talent unbezahlt auf Schrotthalden wie Qype austobe, anstatt auf eigene, womöglich lukrative Rechnung Taschenbüchlein bei Eichborn oder Diogenes zu publizieren, um daraufhin in Talkshows den hintersinnig-subversiven Humoristen zu geben: Ich kann leider gar nicht anders. Ich schreibe lieber, um die extrem begehrte schwarze Qype-„Koryphäen“-Medaille zu ergattern („Du hast schon 92% erreicht!“) Sobald ich einen Verlagsvertrag unterschrieben hätte, müßte ich ja Texte liefern, und was ich muß, kann ich nicht. Es ist zum Haareausraufen! Ein Fluch! Eine tragische Blockade! Sobald der Verleger oder sein Lektorenknecht anriefe, um zu fragen, wann ich denn nun geneigt sei, endlich die versprochenen, im Voraus bezahlten Manuskripte zu liefern, fiele bei mir die Klappe: Schreibblockade wegen Müssen! Den Vorschuß hätte ich vertrunken, aber eingefallen wäre mir: Nichts.

Das geht inzwischen soweit, dass ich selbst gegen meine eigenen Entschlüsse zwanghaft rebelliere. Sobald ich mir beispielsweise selber sage: „Ich muß jetzt aber mal den Schreibtisch aufräumen!“, tritt die zwanghafte Oppositionslust in Aktion. Die hört nur „Müssen“ und ergreift die Flucht nach vorn, verzettelt sich in irgendeinem nutzlosen Quatsch und versaut mir, selbst im goldenen Lebensherbst, jede Aussicht auf Erfolg. „Müsssen muß ich gar nichts!“ quäkt mein eingebauter, arroganter Anarcho-Trieb und reckt dazu das  strohdumm selbstbewusste, ausgesprochen blonde Köpfchen. Ich fürchte, gegen Geld – um das ich zwar nicht gerade einen Kult veranstaltete, das ich im Prinzip aber durchaus dringend gebrauchen könnte – wäre ich sofort außerstande, einen halbwegs lesbaren Text zu verfassen. Zu meinem großen Glück verschont man mich seit Jahren mit Vertrags- oder Geldangeboten. Gut so! Vielen Dank! Auf diese Weise erlaubt mir das Verlagswesen, von Muss-Zwängen unbehelligt, mein Schattendasein als leider durch den Rost gefallenes kleinkünstlerisches Unterhaltungstalent der unteren, d. h. Blog-Klasse zu fristen. – Fünfzig handverlesene LeserInnen-Freunde sind ja immerhin auch kein Pappenstil, tröste ich mich in gleißnerischem Selbstbetrug.

Anstatt mit Lustigkeitskleinigkeiten Millionen zu scheffeln und in Stadien aufzutreten, in privat-fernsehlichen Talkshows omnipräsent zu sein und eine eigene Comedy-Show bei Sat1 oder RTL2 zu kreieren, verbleibe ich im Dunkel jener, die man nicht sieht. Oder liest. Oder beschenkelklopft. Kraska who? Never heard. So richten einen die eigenen Marotten und Maladien karrieremäßig zu Grunde. Einziger Trost: Man(n) schreibt ja in jungen Jahren hauptsächlich, um junge Frauen zu beeindrucken und willige Groupies zu rekrutieren. Darüber aber bin ich (glücklicherweise?) altersmäßig hinaus.

Wohlmeinende Freunde, die mein Dilemma betrübt, empfehlen mir zur Lösung meiner Psycho-Macke die Firma BoD: Book on Demand. Ich war auf deren Web-Site und muß (!) sagen: Deren Angebot kommt mir fair und vernünftig vor. Man macht ein Buch, veröffentlicht es sozusagen virtuell und auf Kommission, und falls es wider Ewarten doch ein Erfolg werden sollte, wäre allen gedient, jeder verdiente gediegene Kohle und alles würde gut. Ich hab mir deren Vertragsbedingungen kommen lassen, ein dickes Paket Papier, und ich muß sagen: Ich finde keinen Haken. Bislang umstandshalber verhinderte Literaten, Produzenten sog. poetischer Photos, alternativer Reiseberichte oder schräg-humoristischer Kurzprosa sollten hier andocken, ein-loggen und up-daten!

Das Problem: Ich muß mich entscheiden. Worauf der Text, der sich als Rondo entpuppt, von vorn beginnt. Ich hasse Müssen!

Im Café ohne Hörsturzhelm

18. September 2010

Den Finger am Abzug: Der Musik-Terrorist (Foto-Quelle: Wikipedia)

Wie jeder halbwegs weltläufige Genussmensch liebe ich Straßencafés. Gepflegt herumhängen, geistvoll mit der charmanten Begleitung plaudern, dabei en passant das flanierende Passantengewimmel begutachten, über Modetorheiten und wandelnde Ernährungsfehler (na, ich hab’s grad nötig!) lästern, dabei einen Eis-Kaffee, einen Cappuccino oder schon, falls der Sonnenuntergang naht, also ab mittags ein Weinchen genießen – das sind Urbanitätskultiviertheiten, die ich auf dem platten niederdeutschen Dorf mit Sicherheit vermissen würde! – Worauf ich dabei allerdings gut und gerne verzichten könnte, ist unfreiwillige Musik-Begleitung.

Nebenbei, weil ich nie weiß, was man „noch sagen darf“: Darf man noch „Zigeunermusiker“ sagen? Oder sind das jetzt „freiberufliche Roma-und-Sinti-Instrumentalisten“? Wahrscheinlich, nehme ich an, spricht man korrekt und besser von: „ambulanten, besonders mobilen Laien-Musik-Kulturschaffenden mit südosteuropäischem Migrationshintergrund“? In meinem politisch unkorrekten Alltag heißt es freilich schon mal herzloser: „Boah, ich glaubs wohl, da sind schon wieder so scheiß Akkordeon-Bettler im Anmarsch!

Kaum sitzt man nämlich am zierlichen Marmortischchen über seinem Getränk und möchte vielleicht gerade mit gebrochener Moll-Stimme ein herbstliches Sonett von Rilke rezitieren, eine süßsäuerlich-scharfe Sottise von Karl Kraus zum Besten geben oder gar bescheiden ein selbst ad hoc geschliffenes Scherzwort zu Gehör bringen,  da braatzt, dudelt, quäkt, quaackeliert, schrillt, klimpert, kinkeliert, faucht, pfeift und näselt einem auch schon mit rücksichtsloser Brachiallautstäke eine ambulante Quetschkommode um die Ohren resp. ins Gespräch, um dieses komplett und gnadenlos zu verunmöglichen. An manchen Tagen verstärkt man den Terrorangriff noch mit Waffen, die sich besonders verheerend gegen die Zivilbevölkerung richten: verstimmte Geige, Balkan-Klarinette (Zurna) und Tambourin. Ohne Hörsturzhelm ist man dem Zwangs-Lauschangriff praktisch wehrlos ausgeliefert.

Nicht, dass ich den elegischen Walzer aus „Der Pate“ nicht schätzen würde; zu späterer Stunden schunkele ich schon mal „Auf der Reee-perbahn nachts um halb eins (dingelingeding)“ mit, und wenn eine glutäugige Romamama ihrem dreijährigen Knirps beigebracht hat, sich auf der Quetsche im ICE-Tempo durch den „Flohwalzer“ zu fingern, ohne sich was zu brechen, bin ich bei guter Laune durchaus bereit, entzückt ein paar Münzen zu zücken. Nur, wenn es recht ist, ich würde verdammt noch mal gern selber und frei entscheiden, ob und wann ich das will! Aber nein: Da kann ich ein Gesicht ziehen, derart genervt und sauer, dass im Umkreis von drei Metern die Fliegen tot von der Wand fallen und die Wespen an ihrem Pflaumenkuchen ersticken – debil grinsend arbeitet der Akkord-Akkordeonist erbarmungslos die Terrasse ab, baut sich breitbeinig vor Selbstbewusstsein an jedem Tisch eigens und extra auf, um das dort keimende, zart knusprig Gesprächsgebäck mit dicker Dudel-Sauce zu überkippen. Das ist doch eine Unart! Ich möchte das nicht!

Richtig ärgerlich wird es dann aber erst, wenn das Drei-Stücke-Repertoire lieblos-routiniert heruntergenudelt ist und der Zieh- und Vielharmoniker nun von Tisch zu Tisch schlawinert, um dir aggressiv-herausfordernd oder unangenehm servil den Hut unter die Nase zu halten. Schmallippig hält sich mein Portemonnaie geschlossen und meine Stirn ziert eine scharf gebügelte Unmutsfalte – oft genug hat mir dies bereits dreiste, bruch-deutsche Verbalinjurien eingetragen, was mir dann wiederum deutlich die Laune verdüsterte. Ich hab es im Guten & Lustigen versucht („Haste auch eine Weiter-Ziehharmonika?“) oder unter Aufbietung angestrengter Humorlosigkeit dargelegt, ich sei weder bereit, dafür zu bezahlen, dass man mich lärmbelästigt, noch auch nur dafür, dass man damit wieder aufhört. Da kann ich richtig bockig werden. Genutzt hat es noch nie.

Natürlich wird man als artiger, toleranter, korrekt auf links gescheitelter Deutscher nicht laut oder handgreiflich, aber das Loblied auf die migrationsbedingte Vielfalt kultureller Bereicherungen in der City hört man mich dann auch nicht unbedingt anstimmen. – Ich möchte ja niemanden belästigen.

Theologie der digital interessierten Stubenfliege

16. September 2010

Lachende (!) oder religiös inspirierte Stubenfliege (Fotoquelle: Wikipedia)

Hat eigentlich schon mal jemand die doch einigermaßen erstaunliche Tatsache erforscht, traktiert oder behandelt, daß die gemeine Stubenfliege (musca domestica), von oben gesehen, und vor allem, wenn sie über den neuen, hochauflösend-brillanten iMac-Bildschirm tippelt, einem cursor verflucht ähnlich sieht? Ich weiß nicht, warum, aber, abgesehen von meinem Mülleimer und evtl. auf dem Frühstücksbrett vergessenen Essensresten, interessiert diese Stubenfliege offenbar am meisten (und jedenfalls mehr als menschliche Leser!), was ich gerade so schreibe. Auch durch hektisches Gewedel, tödlichen Fliegenpatscheneinsatz und vergrämenden Insektenspray lässt sich dieses lästige, aber auch possierliche Geschmeiß nicht davon abhalten, kursorisch meine Textflächen zu besichtigen! Eine nicht zu unterdrückende Neugier zwingt dieses trotzdem wenig sympathische Geziefer, geradezu obsessiv auf meinen Texten herumzuspazieren, als leiste sie irgendeine geheimnisvolle, unverständliche, nämlich rein insektive und daher hermetische Lektoren- oder Korrekturarbeit.

So halb aus den Augenwinkeln verfolgt, erscheint mir halb blindem, brillenabhängigen Bildschirmarbeiter der quasi-digitale Screen-Spaziergang der Fliegen immer, als ob sich der cursor plötzlich selbständig gemacht hätte, um mir entlegen mysteriöse, nur für Insekten verständliche Zusammenhänge zwischen in meinen Texten verstreuten Wörtern  deutlich zu machen. Irgendwie beunruhigt mich der Gedanke, Fliegen könnten lesen! (Jedenfalls mehr als die Idee, Leser könnten fliegen!) Ich meine, natürlich hab ich beim Schreiben ein imaginäres Leserschaft-Publikum vor Augen, aber die gemeinen Stubenfliegen gehören eigentlich nicht zu meinen direkten Adressaten! Was mögen sie über mein Geschreibsel denken? Lachen sie (wenn Fliegen denn lachen könnten – schon wieder eine beunruhigende Vorstellung!) über meine Aufsätze, oder, noch faszinierender die Vorstellung, handelte es sich für sie vielleicht um … Heilige Texte eines höheren Wesens? Könnte doch sein!! – Eine Fliege namens Mohammed kriegt plötzlich Diktat-Botschaften eines Wesens aus höherer Sphäre? Und ich wäre, freilich ohne es zu wissen, eine Art Stubenfliegen-Allah mit insektenverbindlicher Weisungsbefugnis? „Die Worte des allgütigen Kraska sind eine bindende Offenbarung! Und absolut wörtlich zu nehmen“ behauptete ein besonders spirituell begabter, dominanter und rhetorisch gewiefter Stubenfliegen-Ajatollah, und fünfmal am Tag kreuzten nun die fliegenden Gläubigen brav gymnastisch ihre sechs Beinchen, um mich anzubeten – eine Übung, deren verpflichtende Empfehlung sie aus meinen Heiligen Texten herausgelesen (oder herausspaziert)  haben wollen!

Ja, nennt das ruhig eine abwegige Spekulation, – aber warum sonst denn übt ausgerechnet der Flachbildschirm meines Rechners eine derartige Faszination auf diese agilen, hyperaktiven und offenbar intellektuell unterforderten Tierchen aus? Er (der Flachbildschirm von Apple) kann vieles, aber er riecht nicht lecker, er sieht nicht nach toten Tieren aus und macht nicht den Eindruck eines überreifen, bereits zerlaufenden Camemberts, – also Dingen, auf die Stuben- oder Schmeißfliegen sonst so überaus stehen!

Apropos: Zwar beherbergt im Sommer mein geheimes Schlafbüro auch grünschillernde Schmeißfliegen, aber die bleiben hübsch in der Küche, wo der Bio-Abfall-Eimer steht, und warten ansonsten nervös-geduldig auf meinen Tod, um mir endlich ihre Eier in die blicklosen, nahrhaften Augenhöhlen platzieren zu können. – Es sind allein die Stubenfliegen, die sich für meine Texte interessieren. Heißt das nun, Stubenfliegen wären intellektueller? Spiritueller? Religiös musikalischer? Sind sie das (mein) erwähltes Volk? Bin ich womöglich der „Herr der (Stuben-) Fliegen“? Eine albtraumhafte Vorstellung: Man wäre „Gott“ für eine Spezies, und wüßte es noch nicht mal! Und, den Gedanken nur mal so in den Raum gestellt, was wäre, wenn wir für „unseren“ Gott nun auch so etwas ähnliches wären? Stubenfliegen, die SEINE humoresken Schreibversuche unbefugt bekrabbeln und uns einbildeten, die wären „heilig“, und ER wüßte noch nicht mal was davon, weil er unsere Spezies allenfalls lästig findet und ihr mit Menschenpatschen nachstellt?  Tut er nicht? Tut er doch! Nur dass seine Patschen halt Krieg, Pestilenz, Terror, Erdbeben und Überschwemmung heißen. Ist doch wie mit den Fliegen! Ein paar von uns kriegt er, nur nie alle!

Neue Rubrik: Integrationsimpressionen (Hier Teil 1)

15. September 2010

Kennt das noch sonst jemand? So Schubladen bis oben hin voll mit … tja, wie soll man das nennen? Krempel? Zeuch? Kram? Geraffel? Jedenfalls so Sachen, die man wahrscheinlich nie im Leben wieder verwendet, die man aber „zu schade zum Wegschmeißen“ findet? Alte Adapterkabel, stumpfe Anspitzer, eingetrocknete Filzer, ungültige Briefmarken, versteinerte Sekundenkleber, trottelig gewordene Solar-Taschenrechner, Bürokram-Sets von Tchibo (Gott! wann hab ich zum letzten Mal eine Büroklammer verwendet?!), längst abgelaufene Grippe-Mittel, verblichene Notizblöckchen, abgebrochene Marker-Stifte, kurzum: Geraffel eben, Krimskrams, Arbeits- und Lebensgeröll von ontologisch spezifischer Eigenart: Weder „zuhanden“ (Heidegger) noch sonst wie menschennützlich; trotzdem klammert und wehrt sich das widerborstig-verknäulte Zeug aus Leibeskräften gegen den Untergang im Müllcontainer, dabei meine Neurose oder Marotte ausnutzend, nichts wegwerfen zu können, „weil man das ja vielleicht noch mal brauchen kann“. Wunderlich auch: Im Schutze der Schubladendunkelheit scheint der Krempel sich auch noch fröhlich zu vermehren. Als gäbs Kindergeld für Kabelsalat! Jedenfalls: Kaum hab ich (dann doch mal!) aufgeräumt, ist der Krempel-Kasten schon wieder voll! Insbesondere, so mein Eindruck, Adapter, Verbindungskabel und unbrauchbare, da verwaiste Ladegeräte erfreuen sich da nachwuchstechnisch enormer Fruchtbarkeit.

Der namenlose Garagenladen mitten „im Geddo“ sieht von weitem exakt aus, als hätte ich meine Kramschublade aufgezogen, weswegen ich mich ein Jahr lang aufs dezente Vorbeiflanieren beschränkte, aus Angst, in diesem Bazar der Hundert Millionen kremplig-kruschligen Kleinteile einen Ding-Schock zu bekommen. Der 15qm-Laden, kaum beleuchtet, ist derart mit krudem, heterogenem Kleinzeug voll gestopft, dass für Kunden zwischen den hauteng gestellten Regalen eh nur minimaler Platz bliebe. Trotzdem. Ich gebe öffentlich zu: Ich hatte mal wieder Vorurteile. Da für mich schon die – ungleich großzügigeren! – Bazare von Dijarbakır, şanlı-Urfa, Gaziantep oder Tatvan nicht gerade als mondäne Shopping-Träume vorkommen  wollen, zog es mich nie wirklich in diese Höhle, die zwar „Kraut & Rüben“ feilbietet, aber trotzdem nicht zum türkischen Obst & Gemüse-Handel gehört. Was es hier gibt, ließe sich mit einem Wort umschreiben: Im Prinzip (non-food) nicht weniger als … ALLES!

Der moderne, vorurteilsfreie Urbanisten-Dandy benötigt mal dringend goldgerahmte Koran-Suren? Teegläser? Imbus-Schlüssel-Sets?  Bilder von der Kaaba? Samoware? Nein? Nicht? Oder vielleicht dann aber Häkelnadeln, Bauchtanzgürtel oder Schaumkellen? Bestickte Brokatkissen, orientalische Puppen, Schraubendreher, Vorhängeschlösser, Batterien, Messer, Nagelscheren, Gefängnisgitter-Feilen, Fahrradpumpen und Blutdruck-Meßgeräte? Wenn das alles nicht, dann vielleicht Woks, Reise-Koffer,  Spitzendeckchen, Zahnstocher oder Mikado-Spiele, oder wenigstens Glühbirnen, Döner-Grill-Schwerter, USB-Sticks oder Ali-Abdul-Adapter-Kopien? Muezzin-CDs, Mekka-DVDs, Gummi-Handschuhe, Waschmittel und Eßstäbchen? Womöglich Helal-Kondome?  Ja, was suchen du denn, Bey-Efendi?

Ich war, als praktizierender Integrationsmagister, mit Serben-Wirt Senko und seinem aufgeweckten Sohn im Viertel unterwegs, Schulsachen einkaufen. Das ist schwieriger, als es sich anhört. Heutige Lehrer bestehen bei Schulheften auf genormte Randbreiten, bei Folienstiften auf garantierte Wasserlöslichkeit und zertifizierte Ungiftigkeit, bei Sachkundeheften auf DIN-genormte Linienfreiheit. Integrationsfreundliche Spezial-Ansprüche, die Billig-Märkte wie Penny-Markt, Netto, KiK, Kodi oder Schlecker nicht bedienen wollen oder können. Ich war genervt und verfluchte im Stillen die deutsche Pädagogik-Bürokratie. In meinem Inneren toste bereits die politisch bestimmt nicht korrekte Empörung: „Manno! Verdammt! Gibt’s in diesem scheiß Geddo nicht EINEN Laden, der ganz simpel verkauft, was tausende kinderreiche Familien hier am Schulanfang benötigen? Schöne Integration das!

Serbo-Bayer Senko ließ sich von meiner Mutlosigkeit anstecken. Trotzdem blieb er zögernd vor der Krempel-Garage stehen, um schüchtern zu fragen: „Woas moanst? – solln ma hier ma schaun?“ – Ich zischschschte, schon recht giftig: „Ach! Verrrgisssses! Die ham doch nur blöde China-Scheiße und keine deutsche Norm-Qualität!“. Widerstrebend ließ ich mich dennoch in die düstere Höhle des Universal-Kram-Ladens hineinziehen. Aber als mich der Inhaber in fließendem Deutsch („Was suchen, Ağabey?“) ansprach, entgegnete ich hochnäselnd: „Ach was! Das haben SIE sowieso nicht! Ich such, äh…“ (ich las vom fotokopierten Lehrerblatt ab:) „…durch hellgrünen Umschlag gekennzeichnete, linienfreie, dennoch aber vierfach gelochte Sachkunde-Hefte vom Typ D II der 2. Grundschule-Klasse! Und zwar, nach deutscher DIN-Norm, ohne Rand!“ Ohne meine Arroganz zu kommentieren, bückte sich der Bazari, um wortlos nickend  aus dem untersten Regalfach gerade genau DIE Hefte hervor zu klauben, die wir stundenlang im ganzen Viertel vergeblich gesucht hatten! Kommentarlos und ohne sichtbare Gemütsbewegung überreichte er uns das begehrte Sonder-Gut und kassierte dafür einen Spottpreis. Falls er gegrinst hat – ich habs nicht gesehen.

Wir verließen die Höhle teils hoch befriedigt (Senko & Sohn), teils etwas beschämt (moi). Still revidierte ich ein weiteres Vorurteil und beschloß, sollte ich jemals aus dem Gefängnis ausbrechen, eine Nähmaschine reparieren oder zum Islam konvertieren wollen, ich jedenfalls zunächst diesen Laden konsultieren würde. “Tja“, knurrte ich mit einigem Widerstreben dem bayrisch-montenegrinischen Muslim Senko gegenüber auf Ruhr-Deutsch, „kannze ma sehn! Wenn WIR der bekloppte Türke nicht hätten!“ Senkos siebenjähriger, in München sozialisierter Sohn, gescheit, aber schüchtern, traute sich in kehligem Bayrisch einzuwerfen: „Mei, dös hätt ma fei net g’ dacht, oda?“

Nö, hätten wir wohl nicht. – Schweigsam juckeln wir drei im alten, klapprigen Opel Astra („Vonnem Freund, 250 Euro, geschenkt, oder?“) heimwärts und hängen unsren Gedanken nach. Senko grübelt über das prekäre Schicksal seiner Multi-Kulti-Kneipe nach, sein serbo-bayrisch sozialisierter Sohn beängstelt indes etwas bang, wie er sich bei den vorlauten, undisziplinierten Türken-Bengels in der Klasse „integrieren“ soll und der Magister, standesgemäß, meditiert über die Tatsache, dass diese ganze Integrationskiste, wenn es konkret wird, in Wahrheit verdammt kompliziert ist. Jedenfalls viel komplizierter, als man in der Zeitung liest.

Zwei Wörter zur Integration

7. September 2010

Wirt Senko und das Café Lipa

Eigentlich ist das Café Lipa kein Café (obwohl es hier noch handgemachten Balkan-Mocca im Messingkännchen gibt!), sondern eher eine Art Kneipe, aber mir ersetzt sie biks auf weiteres das existenzwichtige Kaffee-Haus. Wenn ich am späten Abend heimkomme und hab noch Gesprächsbedarf, bin ich meist hier zu finden. Haupt-Verkehrssprache ist Serbisch. Ich kann zwar nur zwei Wörter, „nasdravje“ („Prost!“) und „hvala“ („Danke“), aber damit komm ich schon recht weit, weil die kernigen, aber überaus höflichen Busfahrer und Trucker aus Serbien, Bosnien und Montenegro, die hier verkehren, mir fortwährend Slibovice ausgeben, leckeren Rinderschinken („pršžuto“ oder so ähnlich) kredenzen und umstandslos Cevapcici in den Mund stecken. Obwohl die meisten Gäste hier AUCH Muslime sind (soweit sie wissen), funktioniert Schnäpschen-Wett-Trinken als probates Mittel der Völkerverständigung. Ramadan hin, Ramazotti her.

Kneipier Senko, Ex-Buslenker mit Händen wie Schraubstöcken, ist aus München gekommen. Er strahlt die Ruhe eines satten Balkan-Bären aus. Das Format dazu bringt er mit. Er spricht serbo-deutsch mit bayrischem Akzent und hat echt das Zeug zum urdeutschen Kneipenwirt! Selbst wenn wir, ab 2.00 Uhr nachts, nur noch kompletten Blödsinn reden (also z. B. der Sportrentner Hotte, das traurige Großmaul Timo und ich, der rätselhafte Magister aus der Nachbarschaft), bleibt er ungerührt und die ergebene Gelassenheit in Person. Immer wenn ich dann kontrolliert nach Hause ins Büro torkeln möchte, ich habs ja nicht weit, wägt er abschätzend die Flasche mit hausgemachtem Slibovic in der Pranke und fragt bedächtig: „No, moagst noch einen?“ Nein!  Bzw.: Jein! Na, noch’n kleinen.

Es gibt auch hausgemachtes, preiswertes Balkan-Essen, wenn man will. Die üblichen Fleisch-Spieße und Hackfleischröllchen, Bohnensuppe, Lamm, aber auch Spezielleres wie Mantiye (eine Art Balkan-Frühlingsrolle aus knusprigem Teig und Hackfleischfüllung). Kürzlich stellte Senko mir einen Teller Obaruša (nach Art seiner Oma) hin. Das sind irgendwie so Fladen aus Vollkorn-Nudelteig, schwimmend in üppig flüssiger, goldgelber Butter und mit Kaymak (Dickmilch) und Käse bedeckt. Ein Gericht für Bergbauern, Schmuggler und Partisanen! Jungs, ich sag euch: Nach zwei Löffeln war ich für den Rest der Woche gesättigt! Ich hoffe, ich werde nicht des Rassismus bezichtigt, wenn ich die Beobachtung äußere, dass „der Serbe“ Portionen verputzen kann, vor denen der deutsche Diät-Zimperling und Cholesterin-Flüchtling stehend kapituliert.

Auf dem Flachbild-TV laufen Clips mit serbischen Schlagern. Gelegentlich wird mitgesungen. Manchmal wird auch lautstark politisiert, wovon ich aber nichts mitbekomme. Ich glaube, das ist gut so. Fremdsprachen können auch ein Segen sein.

Früher hab ich um die „Jugos“ (sie nennen sich selber so!) im Viertel immer einen Bogen gemacht, weil ich ihre finstreren Blicke missdeutete (die gehören bloß zur gewöhnlichen Männlichkeitsausrüstung, schätz ich). In Wahrheit (und wieder ein Vorurteil futsch!) sind das total herzliche, gastfreundliche Leute. Senko will auch nicht, dass sein Lokal als „Serben-Kneipe“ durchgeht. Seit der Fußball-WM flattern diverse Nationalflaggen über dem Eingang. Die größte ist die deutsche (die der Serben wurde nach ihrem Ausscheiden geklaut). Jedenfalls sind Gäste jeder ethnischen Provenienz willkommen, auch „autochthone“ (Sarrazin) Deutsche!

Na, Sportrentner Hotte, Hausbesorger Pitti und ich, der Integrationsmagister, haben schon mal den Anfang gemacht. Schaut doch mal vorbei! Da ich von Senko zum Geburtstag eine eigene Flasche Slibovic geschenkt bekommen habe, die im Regal überm Tresen aufbewahrt wird, kann ich jederzeit einen ausgeben.


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