Archiv für April 2010

Ein Traum von Afrika

30. April 2010

Es gab auch schon afrikanische Kaiser! - Fotoquelle: http://de.academic.ru/pictures/dewiki/66/Bokassa_.jpeg

Ich war beim Kaiser, zur Audienz, schon das zweite Mal. Die Gattin hatte das vermittelt. Waren wir eigentlich in Berlin oder in Wien? Ich weiß es nicht genau. Alles war jedenfalls aus Marmor oder Granit. Das heißt, zunächst handelte es sich um eine zwielichtige Art pornographisches Kabinett, in dem altmodisch, aber nachlässig gekleidete ältere Herren verstohlen mit allerhand skandalösen Unanständigkeiten beschäftigt waren. Plötzlich aber wurde ich aus den beklemmenden Schummrigkeiten dieses Angst einflößenden Ortes in den hell getäfelten Warteraum geführt, von dem aus man schon die mächtige Flügeltür erblicken konnte, hinter der sich das Arbeitszimmer des Kaisers befand.

Ich fühlte mich unwohl in meinem unförmigen lederbewehrten Winterpelz, unter dem ich aber, wie mir siedendheiß einfiel, einen mit Eigelb und Mehl total bekleckerten Pulli trug (ich hatte vortags Kichererbsenpuffer gebacken), so daß ich den blöden Mantel schlecht ablegen konnte. Alle anderen Herren trugen Frack oder Cuts! Ein comme il faut elegant geschneiderter Hofsekretär, so aristokratisch bleich, daß er wie aus einem österreichischen Schwarz-Weiß-Film der 40er wirkte, eilte auf mich zu: „Bestehen der Herr Magister auf dem Thema HipHop?“ wisperte er atemlos vor devoter Arroganz. Ich wechselte einen Rat suchenden Blick mit der als Souffleuse fungierenden Gattin, die energisch, aber unauffällig, also in einer Art gestischem Bühnenflüstern, den Kopf schüttelte. „Nein, nein!“ rief ich daraufhin dem Schranz nach, der schon wieder davoneilen wollte, „nehmen Sie Afrika! Das Thema ist Afrika! Der Kaiser interessierte sich seinerzeit immer sehr für…

So kam es, daß ich, um ein weniges später, vor dem mächtigen, aus lauter Walnussbaum und puren Ebenholz gedrechselten Schreibtisch des Kaisers auf dem Besucherklappstühlchen saß und über meine abenteuerliche Somalia-Reise referierte. Während meines zunächst in schüchterner Heiserkeit (Frosch im Hals!)  vorgetragenen Berichts wurde mir freilich bald schon peinigend bewußt, daß ich eine solche Reise niemals unternommen, vielmehr bloß kürzlich, nach abendlicher, und wohl übermäßiger Lektüre des SPIEGELS, geträumt hatte! Eine einigermaßen peinliche Situation. Der Kaiser, der mich durch das blankgebügelte Fensterglas seiner zwiebelförmigen Audienzbrille gütig anblinzelte, ließ sich nichts anmerken. Um nicht gänzlich dumm dazustehen, leitete ich mein Referat behutsam über zur Biographie meines Urgroßonkels, der in der Tat und familienhistorisch verbürgt einst nach Tanga in Deutsch-Ostafrika gegangen war und dort 1912, glaube ich, einem schwarzen oder irgendwie sumpfigen Fieber erlag. Der Kaiser ließ es sich nicht nehmen, meinem Urgroßonkel hierfür postum eine silberne Verdienstmedaille zu verleihen. Seine Hände zitterten dabei unübersehbar, was mir schlagartig in Erinnerung brachte, daß er nun auch schon überschlägig 130 Jahre das undankbare Reich regierte.

Nach all diesen Aufregungen wieder auf freiem Fuß, bzw. als die Wirkung der Kräuterzigaretten nachließ und ein ziemlicher Hunger-Flash aufkam, fiel es uns am späten Nachmittag schwer, das Erlebte nicht auch wieder unter die belanglosen Traumgespinste zu subsumieren. Fände ich nur die blöde Medaille wieder, die irgendwo in den Untiefen des Futters meiner Winterjacke verschwunden ist! – Aber wie gesagt, das Thema ist Afrika.

In meinem Viertel leben viele Schwarze, welcher Nation oder Ethnie im einzelnen weiß ich leider nie zu sagen. Manche sprechen französisch oder gut deutsch, seltener etwas extrem Hitzig-Kehlig-Gutturales, als hätten sie dicke, heiße Kartoffeln verschluckt und bäten einander nun verzweifelt um ein Schlückchen Wasser. Unter meinen multiethnischen Mitbürgern sind sie bei mir persönlich ehrlich gesagt die beliebtesten: Sie sehen gut aus, bewegen sich wie Halbgötter, haben die süßesten und intelligentesten Kids, hören korrekte Musik und sind überhaupt umwerfend cool. Ihre Kneipe hier ist das „Bistro-Café Paradiso“, ein äußerst karg, ja vereinsheimmäßig ausgestattetes, allerdings mit einem Bob-Marley-Poster einladend geschmückten Etablissement, in dem ausschließlich Schwarze verkehren. Und das bringt mich zu meinem Dilemma.

Ich würde das „Paradiso“ gern mal testen, ja, empfehlen und zum Beispiel demnächst bei der WM die Spiele der afrikanischen Mannschaften hier verfolgen, ich trau mich aber nicht hinein! Nicht, daß man mich abschrecken würde – die Männer machen alle einen freundlichen, fröhlichen und unglaublich entspannten Eindruck. Nie hört man böse Worte oder gar lautes Gebölk. Aber wenn ich jetzt da hineingehe und frage, ob man auch als Weißer Zutritt hätte, fühlen die sich vielleicht versch…pottet? Andererseits weiß ich aus meiner Zeit in Chicago, Illinois, daß es ganz schön blümerant werden kann, wenn man, sagen wir in South Side, als singuläres Weißbrötchen eine Schwarzen-Kneipe betritt und so tut, als sei nichts.

Infolgedessen, ärgerlich an meiner zähen Mixtur aus Neugier und Schüchternheit kauend, umschleiche ich den Laden erstmal, bis sich einer erbarmt und mich zum Ehrenneger ernennt. Immerhin hat mich auch schon der Kaiser empfangen! Ich berichte dann…

Pizza, Fußball & ägyptische Italiener

28. April 2010

Ägyptischer Pizza-Teller

Ungewöhnlich warmer Frühlingsabend heute. Es groovt greifbar. Im Viertel riecht es betäubend, teils nach gemähtem, teils nach gerauchten Gras; Grill-Schwaden mäandern, der Flieder duftet, desgleichen die Mädchen, die heuer wieder eminent gut gewachsen sind, Kopftuch hin oder her. Die Tamilen spielen Krickett im Park oder Volleyball im Hof; die von mir politisch unkorrekt so genannten. Reggae-Neger sind bereits alle auf der Straße und üben ihren hoch-musikalischen Gang. Cool running. Vor lauter berauschtem Vormichhinradeln und urbanem Atmosphärengenuß vergesse ich übers Patroullieren glatt, mein abendliches  Diätbreichen zu kochen, und, was schwerer wiegt, auch noch, daß heute der FC Bayern in Lyon spielt. – Oh, oh! Jetzt aber schnell! Hunger UND Eile!

Spontan, was so viel heißt, wie: in Panik, beschließe ich einen Diätbruch. Wenn schon Mangel an compliance, dann aber richtig, also Ferttich-Pizza! Aber wo jetzt, bei wem und welche? Die Frage bei uns in der Nachbarschaft lautet dabei konkret: Wer sind die besten Italiener? Die Inder, die Tamilen, die Pakistani, die Marrokkaner oder die Ägypter?

Ich entscheide nach oberflächlicher Sympathie: „Mimmo“ war ein berüchtigter Mafia-Killer, der am Ende wieder katholisch wurde und seine Auftragsmorde beweinte wie ein  kalabresisches Krokodil. Besser spät, als nie, oder? Also okay, va bene, Mimmo. Freilich, die Italiener, die hier in der „Pizzeria Mimmo“ rasch, effizient und präzise agieren, sind allesamt Pharaonen-Söhne. Im Lokal weht an die Wand genagelt die rot-weiß-schwarze Fahne.  Im Fernsehen läuft das Bayern-Spiel, übertragen vom Kairoer Fernsehen. Man sei, so erklärt mir Kemal mit charmantem Lächeln, zwar durchaus auch in der Lage, auch dem deutschen Kommentar zu folgen, fände aber den ägyptisch-arabischen spannender. Ich muß dem zustimmen: Wer einmal einen schon in der 8. Minute ultrahocherregten ägyptischen Kommentator hat „Sch’huua-wwh’ein-staige’rrrrrrch“ hat intonieren hören, dem ist selbst Marcel Reif bloß ein Schnarchsack.

Also eine mittlere Napoli mit Tonno und Kapern. Noch heiß und knusprig, als ich den DBVT-Stecker ins Notebook einstöpsele und Wein (weiterer Diätbruch, jetzt ist schon alles egal!) eingieße. Eine tadellose Pizza, stelle ich fest, während ich wohlwollend registriere, daß die Bayern inzwischen bereits 1:0 führen. Ein kritischer Gedanke, des Inhalts, daß Pizza ja nun wohl definitiv das langweiligste Thema der Welt ist, schießt mir durch den Kopf. Kann sein. Trotzdem, wenn er’s mal sein muß, will man wissen, wohin. Ich schlage vor: „Mimmo“.

Die ägypytischen Jungs sind multitasking-fähig: Sie können gleichzeitig auf arabisch ins Handy palavern, Fußball gucken, mit Kunden plaudern, kassieren und zudem anscheinend recht leckere Pizza backen. Ich bin nicht ganz sicher – hat Ägypten sich für die WM in Südafrika qualifiziert? (Ich glaube, schon…) Wenn ja – ein Fußball-Spiel guck ich auf jeden Fall in der „Pizzeria Mimmo“: Das bißchen Arabisch lern ich bis dahin!

Bayern siegt 3:0. Die Pizza ist vertilgt. Ein Rest Wein ist noch da. Der Tag endet befriedigend.

KRASKA ERKLÄRT KNAPP UND ARROGANT EIN KUNSTWERK

27. April 2010

Nee, die sind nicht weg! Wo sollen sie denn auch hin? Ausgestorben, wie ich mal dachte, sind sie jedenfalls nie nicht: Die unverbesserlichen Querulanten, Volkssturmpfleger, Kunstspießer, Nörgelproleten, kommunalen Kommissgünstler, die eckensteherischen Bescheidwisser und notorischen Leserbriefschreiber, die Moppelkotzmotzer, Emil-Tipper und Klischee-Klistierer mit ihren unvergänglich ewigem Gemaule: „Datt is donnich schööön!“, „Dafür hamse nu Geld!“, „Stattse earsma’n Kindergarten bauen!“ (Sekundant: „Odern Hallenbad!“) Wie der Pavlovsche Hund beginnen sie unvermeidlich zu geifern, wenn wo mal ausnahmsweise Kunst klingelt. „So’ne Kunst könn wa auch!“ – Volkes Stimme ist nach wie vor zum Verlieben. Schön, daß man sich auf etwas verlassen kann, und wenn es die beherzte Strunzdoofheit der Masse ist.

Sozial engagiert, wie ich bin, fertige ich zuerst die intellektuellen Kassenpatienten, die sog. „einfachen Leute“ ab. Erstens: Nein, die Stadt hat keinen Cent bezahlt; das haben Sponsoren gemacht; zweitens: Jahaa, das ist in der Tat Kunst, und wenn ihrs nicht begreift, was ja keine Schande ist, – dann fragt halt, bevor ihr hier ’rumbölkt! Drittens: Nein, seit ungefähr hundert Jahren oder etwa drei Generationen muß Kunst nicht mehr „schöön“ sein, Ihr Punks, im Gegenteil, daß was Ihr „schön“ findet, ist leider grad KEINE Kunst, sondern Kitsch; viertens, was „die da“ können, könntet Ihr eben genau nicht „genauso gut“, weil, wenn Ihr dazu in der Lage wäret, würdet Ihr echte Kohle verdienen und nicht am Büdchen Euer Hartz IV-Bier süffeln müssen, Ihr stammelnden Stamm-Tischler! Zack! Rumms! Autsch. Das saß! – Zugegeben, recht herzlos harte, aber doch nichtsdestoweniger ehrliche, ja,  notwendige Worte.

Das coole Volk der Durchschnittsurbanisten eilt am rosa Trumm vorbei und zuckt die Achseln: „Na ja…“ Junge Frauen bewitzeln kennerisch frivol die relative Bescheidenheit des Gemächts; anderen erscheinen die Proportionen nicht recht realistisch; ältere, aber dennoch coole Menschen fühlen sich von der puddinghaften, fleischfarbenen Nackigkeit zwar genervt, aber dezent genervt. Nur grad eben so nadelstreifengenervt.

Bleiben die Handvoll Wissbegierigen. Sie wenden sich an den Magister, der hat Zeit, der weiß Rat, der hat ein gutes Wort für sie. Klar, sagt er, Kunst ist das schon. Die Skulptur, eine ziemlich originalgetreue Reproduktion des „David“ (1501/1504) von Michelangelo stammt vom international bekannten Künstler Hans-Peter Feldmann (1941). Wie sein Florentiner Renaissance-Vorbild ist die David-Skulptur von Feldmann über fünf Meter hoch (mit Sockel sogar 9m), und wie Michelangelos Werk ist der biblische Heros etwas unrealistisch proportioniert, weil die Skulptur ursprünglich mal dazu bestimmt war, aus extremer Untersicht bestaunt zu werden, in welchem Falle die Harmonie wieder stimmen würde.

Feldmann hat aber was dazu getan. Seine Plastik ist ein ziemlich pop-krasser Remix des Originals, das, wie der Toskana-Tourist und Bildbandbesitzer wohl weiß, aus edlem schneeweißen Carrara-Marmor besteht, während Feldmann mit Marzipan und Vanillesauce arbeitet. Nee, war’n Scherz, aber es sieht zumindest so aus. Seine David-Replik ist schweinchenrosa angepinselt, die Haare diabetesgelb, das Aug blitzt hellhyanzinthenblau. Was ist daran der Witz?

Nun, die Renaissance heißt so, weil man sich um eine Widergeburt des „antiken“ griechischen „Geistes“ bemühte. Die überkommenen Statuen der hellenischen Bildhauer  schienen einen edlen Geschmack zu transportieren: Schneeweiß, abstrakt, fast transparent. Das wollte man in der Renaissance wiederbeleben, und noch im 18. Jahrhundert schwärmte unser deutscher Chef-Archäologe Winckelmann von „stiller Einfalt und edler Größe“, welche die griechische Plastik angeblich verkörpere. Aber Pustekuchen, Leute! Was man schon länger vermutete, aber erst kürzlich wissenschaftlich beweisen konnte: Die Griechen, recht kindliche Gemüter wohl, pflegten ihre heeren Götterstatuen knatschquietschebunt anzumalen, grell disneyfarben und „geschmacklos“ wie die Hölle. Ihre Aphrodite war ’ne Barbie! Und unser Antiken-Bild ein frommer Wunsch.

Feldmann zeigt uns nicht mehr, leider, aber auch nicht weniger als dies: Kunstwahrnehmung ist historisch wandelbar. Was wir heute am Kantpark eher als kitschige Zumutung empfinden, ist sozusagen das hellenische Original; Michelangelos schneeweißer Meister Propper hingegen eine retrograde Illusion. So kanns gehen, zeigt uns der Künstler. Und was „schön“ gefunden ist, unterliegt, wie auch sonst, dem Wandel der Zeiten. Unser Geschmack hat sich an Vorbildern gebildet, die es so nie gegeben hat. Und das gibt, wem es recht ist, zu denken!

Freilich, als Denkanstoß ist der Fleischklops ziemlich monumental. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil!

Kleiner Diät-Song

23. April 2010

Ärzte im Diät-Streit

Kleiner Diät-Song

(Kraska war beim Allergologen)

Nicht Fisch, nicht Flunsch
Und alles ungewürzt nach Wunsch
Nicht Bier, nicht Wein
Kaum Alkohol, an
purem Gin sind hundert
Gramm das Maximum
Vom Blütennektar nur den Seim
Glutamat wär Suizid, und Laktose
Ging ja wohl voll in die Hose,
desgleichen Erbstwurst, Pudelfleisch
und Fertichklops. Kaldaunen? Nein,
(oder nur im Notfall), und vor allem alles
mit Salizylat: Wäre Verrat
an meim
Körper.
Um Chottes Willen bloß keine Nudeln!
Und keine Zahnkrem mit Streifen!
Nur nicht mit Farbstoff besudeln,
und bitte, ja? ausnahmslos neutrale Seifen!
Vom Knäckebrot studiere den Beipackzettel!
Und was ist mit Natriumhydrochlorid?
(Dr. Oetkers Leute mischen doch perfid
Ihren Chemo-Scheiß in jeden Bettel!)
Die Damen: Bitte ein Weilchen kein Sperma schlucken,
die Herren: Solln sich gegen Milchproducken
sperren.
Psychotrope Pilze sind zu meiden, Crystal Myth und Speed
Und Opas Koks, dem Wunsch nach Rausch zum Trotze:
Allergologisch ist das alles Moppelkotze!
Ärztlich untersagt sind ferner Marmeladen,
Muscheln und Mayonnaisen,
sämtliche Säfte, Salben, gefüllte Schokoladen,
Vorderformschinken, analoge Käse-Prothesen,
Pizzen-Streu und nee, auch kein Haferl Knusperflocken,
Wolln Se denn der Herr Dokter seine Diät verbocken?
Nicht Flunsch, nicht Fleisch
Und alles unerwünscht:
das Bier, mein Wein
Und überhaupt der Alkohol! Doch an
purem Gin sind hundert
Gramm das absolute Minimum.

Volle krasse Pestilenzplage: Ärzte! (Scharlatanschamanensalatschurken)

2. April 2010

Bildquelle konnte ich nicht ermitteln - ist möglicherweise urhebrechtlich geschützt


Hat man aber, als robustes Kind und mit Gottes Hilfe, seine Fummelpriester erstmal überlebt, dräut der zarten Seele schon bald neue Gefahr, h’enthsätzlich Pestilennz und voll krasses Grauen der Hölle, und das höret nimmer auf: Das Pestgeziefer der Ärzte, vulgo Quacksalber, Salbader und Salpeterbalbiere! Pfui über die Pfuscher! Zweifellos stürbe man seltener, – triebe nicht im Gewaber der Miasmen, üblen Gerüche und fibrösen Fibrillen (vgl. K. Valentin) der Städte (vgl. die Große Hure Babylon) der sog. Medizyner sein gottloses Unwesen und lauerte, den Sensenmann schamlos untergehakt, auf „Kunden“!

Es bezeugte dies aber schon der große Gelehrte, Menschenfreund und Gott gefälliger Bürgermeister Bordeauxs, der hochgeborene Monsieur Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592):

„In erster Linie ist es meine Erfahrung, die mich die Medizin fürchten läßt, denn soweit mein Auge recht, sehe ich keine Menschen so schnell erkranken und so langsam genesen wie jene, die sich ihrem Machtanspruch unterworfen haben. Ihre Gesundheit wird vom Zwang der Diätvorschriften regelrecht zerrüttet und zugrunde gerichtet, denn die Ärzte begnügen sich ja nicht damit, über die Krankheit das Regiment zu führen, sondern sie machen überdies die Gesundheit krank, um zu verhindern, daß man zu irgendeiner Zeit ihrer Herrschaft entwische.“

Auch sein Landsmann, der ehrenwerte Tapissier und nachmaliger Komödiant des Königs, Jean-Baptiste Poquelin, gen. Molière (1622-1673), wusste schon, was noch schlimmer ist, als die Figur des „eingebildeten Kranken“ – die eingebildeten Ärzte nämlich! Sie sind die Brut und Gesandtschaft des Höllenfürsten, um uns Menschenkindern Verderben zu bringen: Nachtalb, Schleimfluß und Sodbrennen, Pusteln, Pickel und Pestbeulen, Grind, Gicht und Grusel, Siechtum, Wahnsinn und Würgreiz: Für solcher Art namenloses Menschen-Leyd fand man das Wort „iatrogen“, was aber bedeutet: Von dene Ärrzten und Kurpfuschern recht eigentlich und mit Fleiss produzieret.

Seit jeher lebet aber der Mensch und überlebet wohl mancherlei virales und bakterielles Abendtheuer, indem er sich von dene Ärrzte hübsch fern hält und sie meidete wie das höllische Gelichter der satanischen Oberdämonen Luzifer, Urian, Asmodeus, Beelzeboab, Bahometh, Mixa, Mammon, Karius und Baktus! Die fromme Seele schaudert es bis auf den Bodensatz gefrorenen Blutes, wenn sie an die Herren Doctores denkt, die Kunstfehlerproduzenten, die Pharmareferenten und Pillendreher, Abrechnungsbetrüger und Bakterienverschmierer, die frei nomadisierenden Gliedsäger, Schädelbohrer, Zahnreißer und ambulanten Amputierer, das dumpfe, viehblöde Pack der Rezepte-Kritzzeler, der Computerpornographen und selbst ernannten nuklear-medizinischen Scharlatanschamanensalatschurken!

Treibet einen armen Mann aber blanke Noth oder chronifiziertes Ohrenbluten doch einmal zu einem Arzt, was hat der Schelm und Schlehmil da zu erwarten? Was darf er hoffen? Nun, Heilung gewisslich nicht, denn das wäre ja zu einfach. Günstigenfalls verlässt er die Konsultation mit Überweisungsformularen zu fünf anderen Ärzten. Angenommen, ich litte unter „schwerer Diagnose“ wie TV-Dittsches Kunstfigur Herr Karger, und hätte wie dieser auch noch Nervenflattern – ich könnte für die nächsten Monate glatt in Wartezimmerfluchten übersiedeln, jene Lieblings-Biotope von Imbezillen, Amphibolien, Thrombohnen, Naturalinfektionen und anderem Ansteckungsmief von Tröpfchen- bis Schmierinfektion. Brrr. Andauernd muß man seinen Bypass vorzeigen und plagistanischen Gürtelrosenverkäufer abwimmeln. Gesund wird man hier auch nicht, die verschriebenen Gifte und Hexengebräue entfalten indessen ungeheure Nebenwirkungen bis hin zu schwerer Gesichtsverformung, unkontrollierbarer Körperschwellungen und div. gichtigen Gebresten.

Was ich zart andeuten möchte, hier, zwischen Zeilen: Ich bin kein Freund von Arztbesuchen. Dennoch mußte ich zum HNO. Mal nackgucken lassen, den dauerdröhnenden Brummkreiseschädel. Hals, Nasen und Ohren besitzen überraschend viele Duisburger, sodaß an die Organisations-, Verwaltungs- und Rangierfähigkeiten der Empfangszerberusse hohe Ansprüche gestellt – und glanzvoll erfüllt werden.

Herr Schürmann, ein Arzt mittleren Alters und schon an der Grenze zum Melancholeriker, wirkte trotz Streß & Zeitdruck entspannt, beruhigend und auf angenehme, milde Weise überarbeitet. Vielleicht sogar auch leise verzweifelt, ich weiß es nicht. Ich mochte ihn jedenfalls. Er führte allerhand endoskopische Gerätschaften in meine Schädelkugel, leuchtete, spähte, schallte in mich ultra hinein,  ließ es wieder herausschallen und als er irgendwo „Hinterwand-Echo hatte“, machte er ein ausgewogen besorgtes, aber auch nicht zu beunruhigtes Gesicht und stellte mir die Einnahme diverser Sprays anheim.

Ich aber, karfreitagsmäßig optimal eingestellt und zum Schmerzensmann gestempelt, fiebere mich nun, wochenlang vorgekränkelt, durch die Ostertage, verbrauche täglich zwei Kilo „Tempos“ und w’hümpfe alln n fpnöhmes Ohfterfess! Ha-ttschi! –  Mano, nee, werdet bloß nicht krank, Freunde, da liegt kein Segen drauf!


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